Baukunst in Baden
  KA Markgräfl. Palais (01)
 

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"Markgräfliches Palais" am Rondellplatz in Karlsruhe   /   Friedrich Weinbrenner   /    1803-14

Der Rondellplatz in Karlsruhe, einst der vielleicht schönste, mit Gewissheit jedoch der spannungsvollste Platz der klassizistischen Hauptstadt Badens. Auf der Hauptachse des barocken strahlenförmigen Grundrisses der Stadt liegend, markierte er, vom Ettlinger Tor aus, den ersten platzräumlichen Höhepunkt auf dem Wege zum Residenzschloss, dem Mittelpunkt des Strahlensystems. Von eher bescheidener Dimension zieht er großen Reiz aus seiner gerundeten Grundform, respektive von den sie zum runden Platzraum kürenden Gebäuden. Der Rondellplatz wird außerdem von einer zweiten Straße rechtwinklig geschnitten, woraus sich vier annähernd gleich große Abschnitte für die platzbegrenzenden Gebäude ergeben. Jeder Abschnitt wird von je einem Gebäude eingenommen, wobei die dem Rondellplatz zugewandten Fassaden die Grundform nachzeichnend eine konvexe Krümmung erhielten. Die jeweilige Fassadenmitte krönte ein leicht vortretender und mit Dreiecksgiebel bestückter Risalit, der die Gebäude in den glücklichen Stand repräsentativer Stadtpalais erhob.
     Der Rondellplatz ging im Zweiten Weltkrieg unter. Der heutige Anblick langweiliger Nachkriegsarchitektur, beziehungsweise ratloser modernistischer Architektur dieser Tage, gibt sich trist. Einzige glückliche Ausnahme macht das zwar gleichfalls zerstörte, in den 50er Jahren aber wieder erbaute Markgräfliche Palais, das schon früher und heute noch stärker als Blickfang Aufmerksamkeit erweckt. Dem badischen Hofe erbaut, gebührte ihm statt des einfachen Risalits ein monumentaler und zugleich weiter in den Platzraum tretender Säulenportikus. Standesgemäß dominierte er den Platz, bezog ihn gar auf sich — jedoch nie zum Schaden des Platzraumes, da sich stadträumlich einpassend und als Bereicherung die Uniformität überwindend.
     Zunächst aber zum den Platzraum angebenden, zürückliegenden Gebäudeteil, welcher, wie schon erwähnt, konvex gebogen — ein spannungsführender dynamischer Anblick. Die Gebäudemasse formt den Platzraum und stärkt dessen Wirkung durch die horizontale Schichtung der Fassade. Dessen Aufbau: Sockelstreifen mit nach oben abschließendem Gurt, Sockelgeschoss mit einer Vielzahl horizontaler Putzrillen, die Geschosse trennendes Gesimsband, Piano Noble (zusätzlich durch Farbe abgesetzt) und schließlich das plastische Balkenkopf-Gesims zeichnen Abschnitt für Abschnitt  die runde Form des Platzes nach.
     Energisch tritt der Säulenportikus vertikal dagegen. Er atmet, wie meistens bei Weinbrenner, römischen Geist — nicht griechisch-breit gelagert, sondern in römisch-vertikaler Figur bildet sich der Kontrast horizontale Gebäudemasse zu aufstrebendem Portikus gezielt ab.

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Auf dem Sockelstreifen nicht geringer Höhe zeichnen sechs Säulen korinthischer Ordnung mit jedoch ionischer Basis auf edelste Weise den vertikalen Lastverlauf. Weinbrenner komponiert frei, lässt die Säulen kein der begonnenen Ordnung entsprechendes, vielmehr ein sparsames (attisch-)ionisches Gebälk tragen. Der abschließende Dreiecksgiebel wurde wieder römisch, also von moderater Neigung und mit Balkenkopf-Kranz, und formuliert erneut eine Ausnahme, finden sich doch besagte Balkenköpfe, den Römern unüblich, nicht auch unter dem Schräg-Geison. Der Aufbau entlarvt Vorurteile, der Klassizismus' Weinbrenners habe bedenkenlos Antike imitiert, schnell als von unzureichender Kenntnis getragen — ganz im Gegenteil wurden nämlich die nunmehr tatsächlich ausgereiften Grundelemente antiker Formensprache entsprechend der architektonischen Ansprüche des Architekten zu einem harmonischen neuen Aufbau zusammengesetzt. Das Ergebnis ist dergestalt schlüssig, dass auch dem Fachmann die neue Komposition als eine "natürliche" erscheint — sage niemand, das sei einfach!
     Weinbrenner lies also Horizontale und Vertikale zu einem lebendigen Spiel gegeneinander antreten. Das jedoch blieb nicht das entscheidende Motiv.
     Seinen großen Reiz zieht das Markgräfliche Palais aus der Art und Weise wie der Säulenportikus aus der raumwirkenden Masse hervortritt. Man beachte vor allem Gebälk und Giebeldach des Portikus: auf Wandebene werden sie durch kraftvolle Pilaster (mit dorisierenden Kapitellen) durch das Dachgesims geschoben; Gebälk und Giebeldach liegen förmlich auf dem horizontalen Gebäudevolumen, schießen gleichsam aus dessen Dachfläche heraus — ein beachtliches Bild!
     Die abwechslungsreiche Wahl der Fassadenöffnungen unterstreicht die lebendige Gestalt. Sie beginnt bei den Seitenflügeln mit den stets geheimnisvollen Halbkreis-Fenstern des Sockelstreifens — aus der Fassade tretende Streifen erscheinen wie von diesen ausgehende Kraftströme. Im Sockelgeschoss werden die Fenster schlicht eingeschnitten, im Piano Nobile dagegen (natürlich) edler von fein profilierten Rahmungen mit Balken-Verdachungen auf Rollwerk-Konsolen gefasst. Die Eingangsseite erhält zwischen den sechs Pilastern einen mehr repräsentativen Charakter — im unteren Abschnitt finden sich Rundbogen-Fenster und -Türen, deren Bögen von kleinen Kapitellen getragen, und darüber erweitern sich sämtliche Fenster zu Türen, ausgestattet mit filigranen Eisen-Geländern.
     Das Markgräfliche Palais gehört zu den bedeutenden urbanen Werken im Oeuvre Friedrich Weinbrenners — welch' Glück, dass es zumindest in seinen entscheidenden Partien erneuten Aufbau genoss. Dem ungeachtet muss man jedoch darauf hinweisen, dass es aufgrund der abgegangenen Vollständigkeit unter den klassizistischen Schlössern Baden-Württembergs nunmehr hinter dem Schloss Rosenstein (Stuttgart) rangiert.
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Quellen
1) das Bauwerk selbst - Stilmerkmale und Wirkungen; Betrachtung der erhaltenen/ wiederaufgebauten Gebäudeteile vor Ort
2) Arthur Valdenaire "Friedrich Weinbrenner: Sein Leben und seine Bauten", C. F. Müller Verlag, 4. Aufl. Heidelberg 1985 (Original: Braun Verlag, Karlsruhe 1926)
3) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
4) Website 
www.karlsruhe.de

5) örtliche Informationstafel

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