Baukunst in Baden
  Abschnitt 3
 


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Geistiger Hintergrund: "Neues Bauen"

...1689 also brutal niedergehauen, kam Sinsheim im Verlaufe der folgenden Jahrhunderte wieder zu einiger Blüte und Wohlstand, alleine von alter Schönheit lässt sich heute nur wenig noch gewahren. Dieselbe nämlich vereitelt recht selbstbewusst vor allem der Modernismus, welcher die von den Weltkriegen glücklich verschonte Stadt wie nur wenige der im 20. Jahrhundert unzerstörten Städte überaus erfolgreich in den Griff bekam.
Das Alte, offenkundig hielt man es hier nur noch für wertlos. Der Bauhistorie (nicht nur Sinsheims) wurde von den Modernisten der 1950er-70er geschickt der "Muff von 1000 Jahren" angehängt. Die unmittelbar zurückliegende Vergangenheit war so furchtbar, ja schändlich - man bedurfte eines neuen, eines taufrischen Deutschland, neugeboren, am besten ganz ohne Vergangenheit. Durch das Tiefschwarz der nationalsozialistischen Epoche sah man auf das Grau, ein milde zu belächelndes Grau monarchischer Prinzipien. Nein, hier fand man keinerlei Vorbild; auch in der an sich selbst scheiternden Weimarer Republik nur weniges. Nein, ein neues Deutschland musste her und mit demselben ein neues Bauen, das nun seinerseits die Vergangenheit, wo nicht verabscheute so zumindest belächelte, die historischen Baustile vereinheitlichend mit dem Emblem "kitschig" versah. Das der geistige Nährboden des Modernismus der Nachkriegsjahre. Und Sinsheim gedieh prächtig darauf. Wie man einst den tobenden Bauernrotten die Tore geöffnet hatte, so bat man nun die Modernisten in die Stadt. Und wie die Bauern den Ritterstift niederlegten, so die modernistischen Architekten die Altstadt.
Man hat brav Fußgängerzonen ausgewiesen, alleine der Gang durch Straßen und Gassen wird dem Interessierten dennoch schnell sauer. Sicher, man mag hier ausgezeichnet einkaufen können, was heutigentags manchem vollauf reicht; wer allerdings etwas Anderes, namentlich städtisches Flair konsumieren möchte, wird hier nicht fündig.
Einige wertvolle Gebäude blieben durchaus erhalten, allen voran das sehr schöne Fachwerk-Rathaus (erbaut 1712-14) oder die ungewöhnlich große Barock-Kirche mit Zwiebeldach-Turm; hier und da blitzt noch ein Fachwerkhaus hervor, und im ehemaligen Gerberviertel findet man gar noch ein richtiges Ensemble jener Machart. Alles aber kommt nur noch vereinzelt, schwimmt förmlich zwischen den zahlreichen gesichtslosen oder gar beleidigenden Bauten des Modernismus. Immerhin zwang man den Baustil unserer Tage auf den historischen Stadtgrundriss, so dass man die angenehme überkommene Raumführung der Straßen und Gassen mit zumeist kleiner Gebäude-Parzellierung als einen letzten Trost nehmen kann. Zum Glück nur ausnahmsweise lies man ihn aber auch frei gewähren - die Folge: undefinierte Räume und monströse Gebäude-Volumina (wohlgemerkt in der Innenstadt und nicht nur wie andernorts überall zu sichten im "Niemandsland" der Ansiedlungsperipherien).
Habe man in diesen Momenten den Kloster-Kirchturm vor Augen um die Fertigkeiten unserer Tage richtig einzuschätzen. Überblickt man dann durch die modernistische Argumentation hindurch nüchtern die Verhältnisse, so besitzt auch die "Altstadt" Sinsheims einen nicht geringen Wert. (aus Beitrag "Sinsheim")


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Natürlichkeit (Kontinuität) - Unnatürlichkeit (Bruch)

...Ein ergreifendes Bild, der Bergfried als rohester steinerner Kubus, künstlich und doch natürlich, die natürliche Umgebung durch die erhöhte Stellung wohl regierend, nicht aber unterjochend. Er zeigt was er ist: Felsgestein, Natur durch Menschenhand zu einem künstlichen Werke geformt. Jene Natur erst, sein innerstes Wesen also, adelt die Erscheinung. Das Bauwerk, durch sein Wesen selbst mit seiner Umgebung verbunden, wiewohl über dieselbe erhoben vollendet die Natur. Sein Erschaffer ist der Mensch. Wie der Mensch selbst Bestandteil der Natur, der Schöpfung, an ihrem Endpunkt nach göttlichen Willen diese vollendet, so das dem gemäße Werk aus der Hand des Menschen, der Auftrag des Menschen. Mache er sich die Erde untertan, bevölkere er sie, schaffe er selbst neues.
Das Neue aber, wiewohl immer künstlich, von der Natur verschieden, vielleicht auch wie die Menschheit über sie erhoben, darf nie vergessen, dass es selbst Teil der Natur. Erfüllt das Neue seinen Auftrag, so werden Schönheit und Anmut überreicht, gibt der Mensch das Wesen der Natur wieder, welches immer und überall von durchwirkender Schönheit. Verzichtet dagegen das Neue darauf, verwirft der Mensch, was ihm von frühesten Zeiten gegeben, was über Jahrtausende gewachsen, so stampft er Widernatürliches aus dem Boden, unterjocht er die Natur indem er sie negiert, ja ihre Zerstörung billig in Kauf nimmt.
Das Werk des Menschen steht nun wider die Natur und indem es die Natur für nichts nimmt, zerschneidet es das verbindende Band, die Schönheit. (aus Beitrag "Burg Eberstein")


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