Baukunst in Baden
  Fahrenbach Kirche (35)
 

Evangelische Kirche in Fahrenbach (Neckar-Odenwald-Kreis)   /   Karl Brenner  /   1824-26

Die Ortsmitte des Dorfes Fahrenbach im Odenwald markierend, gehört dieser Kirchenbau zu den schönsten im Stile Weinbrenners. In zweierlei Hinsicht erlaubt sich dieses Werk Abweichung vom (primären) Grundtypus der weinbrennerschen Kirchen — nicht zu seinem Schaden, vielmehr zur Bereicherung.
     Beide Maßnahmen sind augenscheinlich: zum einen die Verwendung des eher seltenen tertiären Grundtypus, als Absage an die Durchdringungsfigur der klar definierten Baukörper Langhaus und Kirchturm — statt dessen kann sich das Langhaus frei entfalten und der Campanile schrumpft zum Dachreiter, der aber weiterhin die Eingangsseite markiert. Zum anderen die Materialwahl — statt optisch "weichem" Verputz gelangte Naturstein in Gestalt des hiesigen roten Sandsteins zu Ausführung.
     Die Eingangsseite stellt wie bei allen Weinbrenner-Kirchen den dominierenden Blickfang. Den besonderen Reiz dieser Ausführung bildet das sich in aller Ruhe entfaltende Kirchenschiff — als einfacher rechteckiger Körper, Satteldach-gedeckt und frontseitig den obligatorischen Dreiecksgiebel zur würdevollen Schau stellend, stört kein durchdringender und kraftvoll auffahrender Turm die Fassade. Wo beim primären oder sekundären Grundtypus der klassizistischen Kirchen Badens eindeutig das Spannungsmoment sich ineinander schiebender Baukörper die Attraktion bedeutet, gefällt diese Ansicht durch ihre unaufgeregte, ja majestätische Ausstrahlung. Wie nur selten im Weinbrenner-Kirchenbau kann man sich am wie immer steilen Dreiecksgiebel ganz unbeeinträchtigt erfreuen. Dabei erhält dieser einen angenehmen und verblüffend einfachen Akzent durch den vertikalen Schlitz, der die steile, vertikale Dimension des Giebels unterstützt. 


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Das Fahrenbacher Gotteshaus darf sich weiterer gestalterischer Höhepunkte "rühmen". Nicht minder interessant nämlich der leicht zurückgesetzte Dachreiter, der wie die Kirchtürme eine abgesetzte Spitze mit Schallfenstern besitzt. Ungewöhnlich das Turmdach, das auf jeder Seite einen kleinen fein gearbeiteten Dreiecksgiebel erhält, außerdem auf die typische Knickfigur für das demnach reine Zeltdach verzichtet. Der Dachreiter besitzt insgesamt also gleich vier Dreiecksgiebel; eine sehr ungewöhnliche Konzeption, die alleine im Gotteshaus in Au am Rhein (Sammlung '2') eine Parallele besitzt.
     Lobenswert zu allermeist aber der Bereich des Haupteinganges, der nicht weniger als eine "ausgewachsene" Tempelfront in kraftvoller dorischer Ordnung aufzuweisen hat. Dorisch — das gemahnt zunächst an die griechische Antike; für den vornehmlich von römischer Antike inspirierten Weinbrenner-Stil durchaus eine kleine Überraschung. Freilich eine von ganz ausgezeichneter Wirkung. Das Gebälk mit schönen Triglyphen und ein flacher Dreiecksgiebel sind vorderseitig von kannelierten Säulen und auf Wandebene von Pilastern getragen. Der Portikus wurde schlicht vor das Schiff gestellt, scheint spannungsvoll aus diesem herauszuwachsen — nicht minder spannend erbaut sich in diesem Zuge ein Kontrast zwischen dem wuchtigen reinen Körper des Kirchenschiffes und der konstruktiven (elementierten) Gestalt der Säulen-Vorhalle.
      Die Gesamtwirkung der Vorderseite darf als vorzügliche gelten, nicht zuletzt durch den (auch) optisch härteren Sandstein, der dem Gebäude sichtlich Strenge verleiht. Trefflich auch das Zusammenspiel der gleich drei Dreiecksgiebel der Eingangsseite: zwei niedrige des Vorbaus/ Dachreiters und der dagegen hoch aufstrebende des Langhauses. 


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Tatsächlich lässt sich hier ganz vorzüglich die Wirkung hoher und niedriger Dreiecksgiebel studieren. Die niedrigen, geduckt und streng sind von größerer horizontaler Dynamik. Und der hohe Dreiecksgiebel? Im Gegensatz zu anderen Klassizisten griff Friedrich Weinbrenner (und in dessen Folge seine Schüler) gerne auf hohe Giebel zurück — am Fahrenbacher Beispiel lässt sich leicht festmachen warum: hohe Dreiecksgiebel wirken ruhiger und wuchtiger — statuarisch statt dynamisch — und besitzen neben dem horizontalen auch ein spürbar vertikales Wirkmoment. Für die monumentale Ausrichtung des Gebäudes indessen zeigt sich der hohe Giebel also von entscheidender Bedeutung. Nicht zuletzt ob dieser Wahl tritt das kraftvolle und wuchtige Gebäude eindeutig im Geiste Weinbrenners auf — dem griechisch-dorischen Säulenportikus zum Trotze.
     Der Säulenportikus ruft auch Erinnerungen an den bedeutendsten klassizistischen Architekten Deutschlands wach — Preußens Karl Friedrich Schinkel. Ein aus dem Kirchenschiff heraustretender Portikus lässt schnell an dessen Potsdamer Nikolai-Kirche denken, und das dominierende Langhaus (des tertiären Grundtypus') erinnert gerade in der gewählten Dimension an dessen Berliner Vorstadt-Kirchen. Mit Fertigstellung der Fahrenbacher Kirche schreiben wir das Jahr 1826; dieses aber ist auch das Sterbejahre des Initiators des badischen Klassizismus, des badischen Oberbaudirektors Friedrich Weinbrenner. Kritik an Weinbrenner ward schon in dessen letzten Lebensjahren immer lauter, der Stern Schinkels dagegen leuchtete immer heller über die Grenzen Preußens. Als entsprechend inspirierter Baumeister des feinen Fahrenbacher Werkes agierte interessanterweise der fürstlich leiningische Architekt Karl Brenner aus der nicht fernen Kleinstadt Amorbach (der noch heutigen Residenz des Adelshauses von Leiningen).
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Quellen
1) das Bauwerk selbst - Stilmerkmale und Wirkungen; Betrachtung des Gebäudes vor Ort
2) Homepage
www.ev-fahrenbach.de
(hier Nennung der Erbauungszeit und von Baumeister Brenner)


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