Baukunst in Baden
  G'bach Kornhaus (23)
 

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Ehemaliges Kornhaus der Stadt Gernsbach (Landkreis Rastatt)   /   Friedrich Weinbrenner   /   1798

Das Kornhaus in Gernsbach bedeutet nichts weniger als das letzte überlebende Werk aus Weinbrenners Frühzeit als "nur" stellvertretender Baudirektor — nachdem das Haus des Staatrats Wohnlich  (Karlsruhe, Zweiter Weltkrieg) und die Karlsruher Synagoge  (Brand Ende 19. Jahrhundert) nicht mehr existieren.
     Aber nicht nur aus diesem Grunde stellt das Kornhaus ein besonderes Werk dar — die baulichen Attribute, die es zu solchem küren sind augenscheinlich. Da ist zum einen das Fachwerk: als Sohn eines Zimmermann-Meisters war Weinbrenner von Kindheit auf mit dieser Konstruktionsweise vertraut — trotzdem sollte er sie später (zumindest) für den sichtbaren Gebrauch ablehnen; das Kornhaus blieb neben einigen landwirtschftlichen Nutzgebäuden das einzige Hauptwerk indem dieser Vorsatz unterminiert wurde — höchstwahrscheinlich durch örtliche Vorgaben. Zum anderen rücken spätestens nach dem überraschenden Fachwerk die geradezu unmäßigen Rechteck-Pfeiler mit dorisierenden Kapitellen ins Blickfeld. Es sind mit Abstand die trutzigsten Säulen, die Weinbrenner je ausführte. Diese kaum zu bremsende Monumentalität ist durchaus bezeichnend für des Meisters Frühphase — in Berlin und vor allem in Rom ausgearbeitet und beständig genährt von den Phantastereien französischer Revolutionsarchitektur überschritt sie bei Weinbrenner in Theorie und Praxis nie die Grenze baulicher Machbarkeit. Das beste gebaute Werk dieser Zeit war kaum bestreitbar die Karlsruher Synagoge ob ihrer befremdenden urwüchsigen Gestalt. In Gernsbach nun rutscht der kraftstrotzende Ausdruck vom Gesamtgebäude ins Detail - mehr war in der Murgtaler Kleinstadt schlicht unmöglich.
     Gernsbach erlitt Ende des 18. Jahrhunderts eines verheerenden Stadtbrand, der nahezu der Hälfte der baulichen Substanz die Existenz raubte. Der junge Weinbrenner durfte im Zuge seiner amtlichen Stellung einen Wiederaufbau-Plan erstellen, der in großen Teilen auch realisiert wurde. In diesem Zuge oblag ihm die Wiederherstellung des alten Kornhauses, dessen in Stein gehaltene Partien des Erdgeschosses den Flammen widerstanden hatten. Kein Neubau also, sondern ein Wiederaufbau unter Rücksichtnahme auf noch verwertbaren Bestand. Dieser bildet den rückwärtigen Bereich des Erdgeschosses, wo gewiss zumindest die Grundmauern(Fundamente) genutzt wurden.  Im vorderen Abschnitt, eine offene Säulenhalle ausbildend, strotzen die vier Rechteck-Pfeiler empor - auf Fassadenebene, in gleicher Flucht, wuchten vier Pilaster. Diese acht Tragglieder erwecken den Eindruck geradezu riesenhafte Lasten abtragen zu müssen — statt dessen "schwebt" optisch leichtes Fachwerk über ihnen. Eine überraschende, eine irritierende — eine vielleicht gerade deshalb so erfrischende Wirkung. 


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Das gesamte Obergeschoss ist in Fachwerk gehalten. Da der vordere Anteil von Pfeilern getragen wird, erscheint es als eigener Baukörper, als horizontale Schicht, die sich einerseits auf die Pfeiler und andererseits auf geschlossene Wände legt. Weinbrenner setzte das Fachwerk ganz nüchtern, funktional ein; keinerlei Renaissance- oder Barock-Verspieltheit ist sichtbar.
     Auf das plastische horizontal gerillte Dachgesims folgt wieder typischer Weinbrenner in Form des von ihm gerne gewählten Zeltdaches mit knapp über der Trauflinie knickender Linie. Diese Zeltdächer haben vor allem im Kirchenbau als Bedachungsart der Türme Verbreitung gefunden — in dieser Größe und Proportion stellt das Dach des Kornhauses wiederum Unikat dar.
     Zum Schluss soll der Blick nochmals zu den unbotmäßigen Pfeilern schweifen, respektive zu den Eckpilastern. Nochmals wird ungewöhnliches vorgeführt: sie wachsen förmlich aus dem mittelalterliches Bossenwerk hervor — eine spannungsvolle und zugleich einmalige Verschmelzung aus mittelalterlicher Renaissance und neuzeitlichem Klassizismus.
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Quellen
1) das Bauwerk selbst - Stilmerkmale und Wirkungen; Betrachtung des Gebäudes vor Ort
2) örtliche Informationstafel

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