Baukunst in Baden
  Heidelberg Schloß '1'
 



Die Heidelberger Schlossruine, sie thront majestätisch über der Altstadt, auf dem Wege zur Spitze des Königstuhles. Ein unregelmäßiges Quadrat bereitet ihren Grundriss, ordnet die zahlreichen Gebäulichkeiten um einen großen Hof. Zwischen bizarrer Ruine, abweisendem Bollwerk, höchstem Kunstsinn oszilliert das Schloss, das die Welt staunen macht. Ein Flügel wagt den Ausfall aus dem Geviert, schlägt Kontakt zum mächtigsten der insgesamt sieben Türme. Nach Osten, Westen und Süden trennt ein schwindelerregender Halsgraben ab, so tief als breit. Dann tritt heran, was in den Blütezeiten der Residenz, welche von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des 30jährigen Krieges, den Schlossbauten an Berühmtheit nicht einen Deut nachstand: der "Hortus Palatinus", der Schlossgarten, der von allen Seiten an den Hirschgraben fährt.
     Nach Norden indes, damit aber zur Altstadt, trumpft der schönste Außenprospekt des Kurfürstenschlosses. Von Ost nach West, von links nach rechts die folgenden Bauwerke: der zunächst runde und wuchtige, nach oben oktogonal und immer kunstvollere "Glockenturm", gleichsam aus dem zu Füßen platzierten Zeughause in die Höhe strebend — der "Gläserne Saalbau", der älteste der drei Renaissance-Paläste, seine kunstvolle Fassade aber alleine dem Hofe aufsparend — der "Friedrichsbau" mit prächtigem Antlitz, der jüngste der Renaissance-Palais, dem die große Aussichtsplattform "Altan" vorgelagert — unscheinbare Partien des "Frauenzimmerbaus" — reizvoll sich vorne schiebend der "Fassbau", mit großen gotischen Maßwerkfenstern — die pilastergegliederten Überreste des "Englischen Baus", dem letzten Palast des Schlosses, sich dem Barockstil zuneigend und balancierend auf einem sehr hohen massiven Unterbau; er der Flügel, der aus dem Geviert heraustritt und Verbindung sucht zum — "Dicken Turm", dem mächtigsten der Schloss-Campanile, nach vorne durch die Sprengungen des Jahres 1693 gar böse aufgerissen.
     Matthäus Merians berühmte Kupferstiche des mittelalterlichen/renaissancistischen Heidelberg, Stiche aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, spannen diese Ansicht gleichsam zwischen den beiden Türmen: Glockenturm und Dicker Turm auf. Ein mächtige Schanze liegt diesem Prospekt vorgelagert; rechts geht die sehr hohe Mauer des Stückgartens vom Dicken Turm ab und links akzentuieren die Arkaden der Scheffelterrasse (Schlossgarten). Auch dieses Gesamtbild ein Oszillieren zwischen Ruine und Landschaft, zwischen Bollwerken und feinsinniger Baukunst.
     Das Bedeutsame dieser aus der Altstadt in verschiedenster Weise zu gewinnenden Ansicht offenbart sich dem Eintreffenden, dem Besucher und Touristen, augenblicklich. Die Heidelberger ist die schönste Schlossruine der Welt, so überspannt das auch immer noch klingen mag, und entsprechend kann nichts auf diese Ansicht vorbereiten. Man wird billig übermannt. Das berühmteste Bauwerk Badens, selbst das Freiburger Münster weit genug überbietend, es entfaltet sogleich eine enorme Anziehungskraft. Das Ausdrucksvolle dieser Ansicht zieht mit Macht an sich. Die entsprechende Menschenmenge, sich alsbald in zwei Linien aufspaltend, nimmt ihren gleichsamen Pilgrimsweg. Das Außerordentliche nämlich, was durch die Nordansicht verhießen, man wollte es beinahe für ein Heiligtum nehmen. Das verblüffte, freilich zunächst verwirrte, vielleicht sogar entrückte Auge, solcher Schönheit wird es gewahr, dass übernatürliches vermutet wird —  extraordinäres, wie es als ein beständiger Odem das eigentliche Privileg der anmutigsten und gewaltigsten Gotteshäuser.

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So macht er sich also auf, der Kunstpilgerer. Und weiht in aller Regel seine Opfer! Man kann auch eine bequeme Bergbahn nehmen; die überwiegende Anzahl aber wählt die zwei Wege, die vom Kornmarkt direkt auf das Schloss zuführen. Und direkt bedeutet steil! Alleine zwischen Rampe und Treppe besteht die Wahl. Unter solcher Anstrengung wähnt man sich endgültig in einer Pilgrimsschar, der die Mühen des Weges das erste gewichtige Opfer!
     Der östliche Weg, die Rampe, führt unter dem Altan hindurch und direkt auf den Schlosshof. Eine Führung, die im Nachteile, den eigentlichen Höhepunkt, als welcher die Besichtigung des Hofes immer zu gelten hat, zu früh vor Augen zu lenken. Für die Steigerung — freilich immer als Steigerung vom höchsten zum allerhöchsten zu denken, denn das noch weitere Erhöhungen möglich sind, will man bei Betrachtung der Ansicht zur Altstadt wohl kaum glauben — für den empfehlenswerten Klimax wähle man den westlichen Weg; für die meisten Ersteiger vermutlich die längste Treppe ihres Lebens! Ein Weg aber, oder besser zwei Wege, für die sich die Anstrengung billig verlohnt: man gewinnt monumentale Anblicke der aus nächster Nähe umso schauriger in die Höhe fahrenden Schlossmauern, freilich auch erste Überblicke auf die Altstadt; endlich vertreibt die Mühe die Zahl der Gedanken. Das Wirken der Sinne, vornehmlich das des Sehsinnes tritt in Hegemonie. Und solche Sinnlichkeit ist der beste Begleiter für die anstehenden Anschauungen, viel tiefer das Gemüt prägend, als der trocken analysierende Verstand.
     Was sich lange schon angekündigt, ist nicht von ungefähr eine Inkunabel der Romantik, damit ein "Ding" zum Genusse des Gefühls, nicht zur Abwägung des Intellekts. Die Höhen und Tiefen des Lebens werden vom Gefühl abgemessen — so auch ein Werk höchster Baukunst. Dem Geiste verbleibt das nachträgliche Einordnen, hier wie dort.
     Freilich muss denn auch hier nochmals auf das Scheitern verwiesen werden. Was immer hier ausgedrückt, beschrieben, kann nicht mehr als der blasseste Abglanz der realen Verhältnisse sein. Mag das Nachzeichnen der Baulichkeiten gelingen, nimmer aber, was die Anmut derselben im Betrachter hervorruft. Solche Schönheit ist alleine zu sehen, mit eigenen Augen zu sehen, nicht aber nur annähernd in ihren Wirkungen zu erklären. Und am wenigsten mag solch verzweifeltes Unterfangen diesem Autoren gelingen.
     Endlich hat man es geschafft; zuletzt stand die Mauer des Stückgartens drohend wie ein Damoklesschwert über einem. Ein lustiges Schildhäuschen wird gewahrt, eine der wenigen Maßnahmen des 18. Jahrhunderts, da der kurfürstliche Hof alle seine barocke Prachtentfaltung nach dem nahen Mannheim verfügt, nachdem jene neue die alte Capitale Heidelberg 1720 abgelöst. Zunächst ward noch ein neues, ein wahrlich gewaltiges Barockschloss auf der anderen Seite des Neckars geplant. Dann aber, auch wegen manch’ Spannung mit den selbstbewussten Heidelbergern, welche obendrein protestantisch, wohingegen der ab 1685 herrschende Wittelsbacher Zweig, die Kurfürsten der Line Pfalz-Neuburg, katholisch, wurde diese ambitionierte Planung zugunsten Mannheims fallen gelassen.
     Indessen haben wir die in vielerlei Hinsicht geschichtsträchtigen Außenmauern durchschritten, befinden uns nun auf dem sehr weitläufigen Areal des Schlosses, dessen Ausdehnung vor allem des Hortus Palatinus weitere körperliche Anstrengungen aufgibt. Hier aber — im ständigen Angesichte des Schlossgevierts — wird man von den Effekten der Prospekte auf Schloss und Landschaft gezogen und geschoben, getrieben und beruhigt, dass man der langen Wegstrecken kaum einmal gedenkt. Man ist gleichsam gebannt.

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Und auf solche Weise findet man sich plötzlich im Stückgarten wieder, wie man sich vom Überblick auf Heidelbergs Altstadt, ihrem "Fluss" in die Rheinebene kaum wegdenken möchte. Auf dem relativ schmalen Streifen, der gleichsam aus Süden eine Brücke an den Dicken Turm schlägt, standen einst die Geschütze, (darum Stückgarten). Nach Westen fallen die Mauern tief zur Stadt und nach Osten steil und glatt in den Halsgraben ("Hirschgraben"). Im frühen 17. Jahrhundert aber, unter dem letzten großen Schlosserbauer der Heidelberger Kurfürsten, Friedrich V., nachmals der so unglückliche "Winterkönig", kam diese wehrhafte Partie in das Bild eines barocken Lustgartens.
     Das 16. Jahrhundert sah weiter prosperierende Zeiten für Heidelberg und die Kurpfalz, aber auch die ersten konfessionellen Spannungen infolge der sich bahnbrechenden Reformation. Und bereits der Schmalkaldische Krieg 1546/47 verhieß nichts Gutes. Im Heidelberger Schloss  indes, und namentlich Friedrich V., seit 1613 amtierend, wollte davon nichts wissen. Und brachte nicht auch seine Heirat mit der englischen Prinzessin Elisabeth Stuart, der engen Verbindung mit der einflussreichen und gleichfalls protestantischen Krone Englands Sicherheit genug, Schutz genug vor dem katholischen Habsburg, das die Kurpfalz mit einer evangelischen Fürstenliga ohnehin in einem reichsdeutschen Gleichgewicht hielt? Und da wurde der junge Kurfürst leichtsinnig. Das führte ihn ab 1619 zunächst auf den Gipfel der Macht, auf den Königsthron Böhmens, nur wenige Jahre später aber in den Tod, die Kurpfalz an den Rand der Auslöschung. Dem Aussehen des Schlosses indes tat dieser Leichtsinn nur gut, betrachtet alleine unter baukünstlerischem Gesichtspunkt. Die tragischste und traurigste Gestalt unter den Kurfürsten ließ die Künste dergestalt erblühen, dass sie die Wehrhaftigkeit mehr und mehr unterminierten.
     In diesem Sinne ward auch der Stückgarten erachtet. Das "Rondell", ein halbrunder fünfstöckiger Batterieturm, der der Mauer des Stückgartens vorgelagert, ein Werk des Schlossbaumeisters Lorenz Lechler und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts errichtet — das Rondell ward um ein Stockwerk, damit auf die Höhe des gleichzeitig angelegten Lustgartens gestutzt, mit einer abschließenden Balustrade geziert. Wo einst die "Stücke" (Geschütze), da blühten nun die Blumenfelder; wo einst die Soldaten die Kanonen putzten, da lustwandelten jetzt der junge Kurfürst und seine englische Gemahlin. Ein liebes Bild, beinahe möchte man sagen: ein Idealbild des Pazifismus!
     Der eher wehrhaft Gesinnte mag dagegen die Stirn runzeln — letzten Endes aber zu Unrecht. Denn schon die Natur und Friedrichs Vorgänger hatten beträchtliche "Vorarbeit" geleistet. Schon 1537 ging nämlich der als Pulvermagazin dienende "ungleiche Zwilling" des Schlosses in die Luft: die "Obere Burg", infolge eines Blitzschlages. Seit dem 11. Jahrhundert gab es in Heidelberg eine Burganlage, urkundlich gesichert aber nur seit 1225. Und 1303 ist erstmals von zwei Burgen die Rede. Beides Höhenburgen, die in typischer Manier der Staufer errichtet, in der Manier des 12. Jahrhunderts. Indessen durfte sich alleine die untere Anlage, das heutige Schloss, wirklich fortentwickeln. Die Obere Burg aber diente als wichtige Sicherung der anfälligen Seite der unteren Anlage. Von Norden, also von der Stadt aus schien das Schloss uneinnehmbar, von Süden aber, trotz des wahrlich beeindruckenden Hirschgrabens jedoch keinesfalls. Umso notwendiger also ein vorgeschobenes Bollwerk, das etwaigen Invasoren dann gleichsam in den "Rücken" hätte schießen können. 1537 aber ging diese Absicherung unter und ward nicht wieder errichtet. Zahlreiche Meter höher im Süden findet man heute nur noch Grundmauern dieser Burg.

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Aber selbst wenn diese Veste sich erhalten, der Stückgarten grimmige Söldner statt fröhlicher Blüten fortgetragen hätte, wenn keine einzige verschönernde Maßnahme an der Wehrhaftigkeit gerüttelt hätte, Stadt und Schloss wären im 30jährigen Krieg und erst recht im noch schlimmeren Pfälzischen Erbfolgekrieg genauso in Feindeshand gefallen. Zu groß in beiden Fällen die Übermacht. Ganz andere Städte und Festungen, die ohne den Nachteil topographischer Schwachpunkte, fielen in diesen Kriegen. Der Leichtsinn Friedrich V., er war wohl von katastrophalem Effekt auf politischer Ebene, das Zünglein an der Waage, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, denn durch die Übernahme der böhmischen "Wenzelskrone" ward indirekt ja nichts geringeres losgeschlagen als der schon längst in der Luft liegende große mitteleuropäische Krieg, später als der 30jährige bekannt — für die Schlossanlage aber brachte sie den Kurfürsten zu mannigfaltigen Verschönerungen, die noch heute von gewichtigem Anteil an der Gesamtwirkung. Nur rund ein Jahrzehnt, ab 1610, war Friedrich V. Einflussnahme auf die Schlossgestalt vergönnt; ein Jahrzehnt aber, das das reiche Wirken des Kurfürsten billig dokumentiert.
     1693 ward das Schloss, ward die Stadt nach 1689 schon das zweite Mal von des "Sonnenkönigs" Truppen erobert. 1689 begnügten sich die französischen Demolierer noch mit Unterminierungen, die im Bedarfsfalle eine neuerliche Eroberung erleichtert hätten. 1693 aber machten sie "Nägel mit Köpfen", zumindest was die Wehrhaftigkeit anbelangte. Wohl blieben die Wohnbauten zumeist verschont, die Wehranlagen aber wurden planmäßig gesprengt. So auch unser Stückgarten-Rondell, dessen mehrere Meter dicke Mauer zur Hälfte weggerissen.
     Durch einen unterirdischen Gang ist das Rondell mit dem nächsten, gleichzeitig dem größten Wehrturm der Anlage verbunden, mit dem Dicken Turm. Er auf der Nordwesteseite ja auch sehr markant für die Ansicht zur Stadt. Während aber die zur Stadt weisende Partie des Rundturmes weggesprengt, blieb der Anteil zum Stückgarten zumindest ruinös erhalten. Ein gewaltig’ Bild der Zerstörung bietet der bis 1693 von einem sehr hohen Zeltdach gedeckte Turm nichtsdestotrotz. Bis zu 7(!) Meter dick hier die Mauern, was bei der Halbierung des Gebäus auch offen am Tage. Bedenkt man nun die beiderseitige Abrisskante in ihrer gesamten, enormen Länge, wie also das Zerstörungswerk durch solche Ausdehnung auch noch monumentalisiert, so mag sich das schauerliche Erstaunen der Betrachter leicht erklären.
     Auch im Falle des Dicken Turmes ließ sich Friedrich V. nicht abhalten. Mittlerweile durchaus unstandesgemäß führte der Turm im obersten Geschoss Fachwerk; das wollte nicht länger gelitten werden. Und so erhielt der 1533 so trutzig empor gemauerte Turm im Jahre 1619 eine edle Sandsteinfassade mit zahlreichen großen Fenstern. Im übrigen eine der letzten Maßnahmen des alsbald so unglücklichen Kurfürsten, da nämlich ab 1618 der 30jährige Krieg schon in seinen ersten Ausläufern. Im Erbauungsjahr bekam er denn auch die böhmische Krone aufgesetzt, was denn die vorherigen Thronbesteiger, die Habsburger, genauso wenig dulden wollten, wie Friedrich V. das Fachwerk an solch exponierter Stelle. Zum Stückgarten hin haben sich die großen und mit Steinkreuzen versehenen Rahmungen teilweise erhalten. Außerdem bemerkt man, wie das Rund des gewaltigen Unterbaus spannungsvoll gegen eine polygonale Grundform vertauscht, wie dem Turme eine nicht allzu hohe Mauer mit horizontalen Schießscharten vorgebaut und freilich auch den großen Figurenschmuck: ein mittiges Wappen wird von den beiden Turmerbauern gesäumt — von Ludwig V. (ab 1533) und Friedrich V. (1619).

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Im direkten Anschluss der Palastbau des traurigen Kurfürsten: der Englische Bau, errichtet von 1612-15. Er sollte der letzte der mehreren Wohnbauten, der letzte Palas in der Baugeschichte des Schlosses werden. Nur wenige Jahre zuvor, 1607, ward der Friedrichsbau vollendet. Und dennoch welch beachtlich stilistischer Unterschied zwischen den beiden Palais. Während der Friedrichsbau noch ein echtes Schmuckstück deutscher Renaissance, verbreitete sich der Englische Bau bereits unter barockem Anspruch. Was aber beide verband, gewahrte man in den jeweils zwei Schaufassaden, die jede über zwei große Zwerchhäuser verfügten. Während die älteren Palastbauten nur zur Hofseite mit großen Öffnungen, belebenden Details, dagegen nach außen verschlossen und abweisend, zeigen die beiden jüngsten nach beiden Hauptseiten Öffnung und kunstvolle Fassaden.
     Der stark ruinöse Englische Bau steht auf einer merkwürdigen Grundform, die spitz auf den Dicken Turm zuläuft. Die sich dabei ergebende Grundfläche konnte nicht allzu groß sein und wurde auch durch nur zwei Vollgeschosse, ein ausgebautes Dachgeschoss nicht zu wirklicher Großzügigkeit erweitert. Obgleich die beiden freien Seiten — nach Süden und Norden — mit Sorgfalt und Kunstsinn bedacht, so gab sich die Stadtseite (Norden) weit mehr Feierlichkeit. Eine kolossale Pilasterordnung verschönerte ganz im neuen barocken Sinne, der die geschossweisen Säulen der Renaissance gegen stockwerksübergreifende Kolossalsäulen (oder -pilaster) vertauschte. Indessen hatte diese Seite mehr zu leiden, zeigt nur noch zwei Pilaster in voller Länge, das obere Stockwerk samt der folgenden Aufbauten verschwunden. Dagegen konnte die direkt auf den Halsgraben weisende Südseite noch die gesamte Fassade, selbst der Zwerchhäuser überliefern. Weil die zwei Stockwerke über dem gewaltigen Unterbau nichtsdestotrotz konsequent ausgehöhlt, ergibt sich eine durchaus irritierende Ansicht: man gewahrt eine lange und hohe Wand, welche mit ihren zahlreichen Fenstern einerseits selbst auf dem großen Unterbau "balanciert" und andererseits die kleinen Zwerchhaus-Vorderseiten im Gleichgewicht halten muss. Man staunt, dass die vergleichsweise dünne Wand der Zerstörung und Wind und Wetter der folgenden Jahrhunderte bis heute erfolgreich trotzt. Die zahlreichen Fenster werden von barocktypischen Rahmungen mit "Ohren" (Ausladungen im oberen Bereich) gefasst; auch die Balkenverdachungen und Gesimsbänder setzen barockes Gemeingut ab, ohne dabei an die Pracht der Pilasterseite heranzureichen.
     Freilich deutet der Name "Englischer Bau" auf die Vermählung 1613 mit Elisabeth Stuart hin. Die Prinzessin war nicht allzu glücklich mit ihrer neuen Residenz, fand Heidelberg eher provinziell, selbst das Schloss nicht standesgemäß. Geplagt von ihrem Heimweh und ihrer Ambition sah sich Friedrich umso stärker angespornt erst zu verschönern, dann nach der "Wenzelskrone" zu greifen. Von verschiedenen Seiten ward ihm abgeraten, und er selbst sah das Wagnis deutlich. Dann aber nahm er das Ehrerbieten der gleichfalls protestantischen Böhmen, die keinen katholischen Habsburger mehr leiden wollten, doch an. Der Anfang des 30jährigen Krieges!
     Ende 1619 fand die erste große Schlacht dieser Drangsal statt: am Weißen Berg, kurz vor Prag. Friedrichs Truppen verloren gegen die katholische Liga, waren chancenlos. Der Kurfürst musste Hals über Kopf fliehen. 1622 fiel mit Heidelberg auch die Hauptstadt der Kurpfalz. Und 1632, der Hof hatte sich längst nach Holland geflüchtet, starb Friedrich nach Verhandlungen mit den Schweden, die sich nicht sonderlich um die ja offiziell gleichgesinnt protestantische Kurpfalz scherten, an einem ständigen Marschgepäck der Heere dieses Krieges: der Pest!

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1615 aber ward noch gefeiert auf dem Schloss. Und da ließ der Kurfürst seiner heimwehgeplagten Gattin ein ganz besonderes Kleinod aufrichten, der Legende nach über Nacht: das Elisabethentor. Auf der dem Englischen Bau gegenüberliegenden Schmalseite des Stückgartens, nahe zum Hirschgraben, ließ man das Rundbogentor die Anlage veredeln. Dessen Außenseite (Süden) die aufwendige Schauseite: zwei Doppelsäulen tragen Gebälk und einen gesprengten Giebel. Wie bei fast alle Schlossbauten wurde aus rotem Sandstein verfertigt. Tritt man näher, bemerkt man den beständigen Hang zu "vegetabilisieren", d.h. pflanzliche Formen einzubringen: die Säulenschäfte erscheinen als Baumstämme, deren Kapitelle wie Büschel. Reizvoll auch wie die Eckpartien des gesprengten Giebels sich nach innen zu Voluten schnörkeln.
     In der Heidelberger Altstadt findet man einen ähnlichen Säulenportikus, dem ehemaligen Wormser Hof zur langen Hauptstraße vorgeblendet. Dort trägt das Arrangement mehr Strenge, verzichtet auf fließende Formen. Beide Beispiele sind sehr trefflich. Und ebenso trefflich lässt sich streiten, welche Ausführung die noch gelungenere.
     Die Schlosspartie zwischen Englischem Bau und Elisabethentor, welche über den Hirschgraben hinweg zu gewahren, sie die Westseite des Schlossgevierts, die am meisten zerschlagene des Gevierts. Eine zerklüftete Welt der Mauern, eine bizarre, aufreizende Ansicht. Vier Bauwerke, die innere Ummauerung und natürlich der irrwitzige Halsgraben, dessen Tiefe den Betrachter schauerlich an sich zieht, beteiligen sich am gewaltigen Spektakel. Ganz links der Frauenzimmerbau, dann der böse aufgerissene Bibliotheksbau, der gleichsam seine Innereien feilbietet, ganz rechts der Ruprechtsbau, dessen Außenwände immerhin noch intakt und der noch einen hohen polygonalen Treppenturm einbringt, und dem Ruprechtsbau vorgelagert der kleinste der sieben Wehrtürme, der "Seltenleer". Dieser tritt in Rundform genau an der Südwestecke in die Höhe, aus dem Hirschgraben. Um 1530 errichtet, diente er auch — wie der Name schon suggeriert — als Kerker. Obgleich er mit seinen 16 Metern Durchmesser, der gelinden Höhe den anderen Türmen weit nachsteht, wollten ihn die Demolierer 1693 gleichfalls nicht mehr gelten lassen. Vollendet wird der so effektvolle Westprospekt durch den wuchtigen Torturm (am Ruprechtsbau), der wie ein Wächter über die skurrile Szenerie.
     Großes Staunen, auch Entsetzen über das Zerstörungswerk macht sich beim Anblick des Westprospektes ganz regelmäßig breit. Das gewiss überraschendste dabei, dass dieses Trümmerbild keinesfalls abstößt, ja vielmehr ganz eigene Reize entwirft. Die Demolierung 1693 und die Folgen des Blitzschlages 1764 haben hier keineswegs einfach nur zerstört, aus der Welt geschafft. Man rätselt nicht wenig, will den Schluss auch lange genug nicht wahrhaben; am Ende aber muss man bekennen, dass hier nichts Anderes geschehen als dass ein Reiz gegen den anderen vertauscht. Die ursprüngliche, wohlgebaute Ansicht musste gehen, was sie aber zurückließ, entwirft einen neuen Effekt, der dem ersten nicht nachstehen will.
     Dieser sehr merkwürdige Wechsel des Reizes aber ist der allgemeine des Heidelberger Schlosses. Auf die mittelalterliche Burg, ein Bollwerk, das bis Mitte des 16. Jahrhunderts immer trutziger, folgte anschließend der Ausbau zu einem mehr und mehr kunstvollen Objekt, zu welchem die feine Renaissance die Stilmittel eingab. Dieses sehr malerische Bild, gefangen zwischen Trutz und höchstem Kunststreben, ward 1693 empfindlich gestört, 1764 noch weiter zur Ruine verwandelt. Damit aber war die ursprüngliche Karriere als Residenzschloss endgültig getilgt, am Ruinösen der Prospekte auch leicht genug nachzuvollziehen. Nicht mehr viel gab man ab 1764 auf das Heidelberger Schloss, bald nur noch so wenig um es alleine unter dem Gesichtspunkte eines billigen Steinbruches anzusehen!

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In welcher Gefahr diese Inkunabel der Romantik seinerzeit will man heute kaum mehr glauben. Das Schicksal aber führte ganz anderes im Sinne, und zunächst wollte es obendrein versöhnen! Die Zerstörung 1693 erfolgte auf Befehl des "Sonnenkönigs". Das Ende der ersten Karriere des Schlosses ward also von französischer Hand eingeleitet. Da konnte denn gar nichts Glücklicheres, damit vor allem versöhnendes geschehen, als dass die neue, die zweite Karriere des Schlosses wiederum französisch gewirkt. Der gute Erhalt der Ruine, die Abwendung des Steinbruch-Loses verdankt sich zuvörderst dem Grafen Charles de Graimberg, einem Franzosen also! Welch' versöhnende "Maßnahme" des Schicksals! Durch unermüdliche Dokumentation, Zeichnungen der Ruine im frühen 19. Jahrhundert — die Publikation derselben in ganz Europa — ist Graimberg ganz maßgeblich an der Bewusstwerdung ihres Wertes beteiligt. Das war Graimbergs Lebenswerk, und es rettete die Schlossruine!
     Mit Bedacht wählte der Graf auch seinen eigenen Wohnsitz, nämlich am Kornmarkt das später nach ihm benannte Palais Graimberg, das man an diesem schönen Platz kaum anders als im Zusammenhang mit der imposanten Nordansicht des Schlosses sehen kann!
     Ein französischer, kunstbeflissener Graf gerierte sich als der entscheidende Geburtshelfer, als fürsorgliche Hebamme der neuerlichen Karriere des Schlosses. Als Ruine nahm sie nun neuen Schwung, ihre Bedeutung über die folgenden fast zwei Jahrhunderte soweit steigernd, dass heutigentags Menschen aus aller Herren Länder am Schlosse ein Gewimmel wirken, das seinerseits als eine echte Besonderheit, als ein Ruhm Badens gelten darf.
     Was die Zerstörungen 1693 und 1764 nahmen: die Wirkung der Bollwerke, der kunstvollen Fassaden — das gab der Gesamtwirkung der Effekt des Ruinösen in einem Eins-zu-Eins-Vergleich wieder zurück! Und heute wie früher wird das Gesamtbild von der einfassenden Landschaft, von der mannigfaltigen Natur vollendet. Das ganz zweifellos die erstaunlichste Karriere eines (nachmals) badischen Bauwerkes, vielleicht sogar die merkwürdigste ganz Deutschlands. Die Welt jedenfalls dankt und ist zu Gast in Heidelberg — täglich!
     Indessen nehmen wir, begleitet vielleicht von einer japanischen Reisegruppe, weiter unseren Weg um das Schlossgeviert. Der Elisabethenbogen wird passiert, ein beliebtes Fotomotiv, und möglicherweise wird man just in diesem Moment Statist eines Bildes, das schon in wenigen Tagen in Tokio herumgereicht. Die Südseite tritt nun mehr und mehr ins Bewusstsein. Und hier herrscht gleich einem grimmigen Wächter ganz unangefochten der mächtige Torturm. Er der einzige der sieben Schlosstürme, der die runde Grundform zugunsten der quadratischen verschmäht und darüber nur zu umso bulligerer Wirkung aufsteigt. Glatt die roten Sandsteinfassaden und unabsehlich hoch die Wände, wenn man aus dem begehbaren Hirschgraben die Höhe abwägen möchte. 1531-41 ward der 40 Meter hohe Trutz durch Schlossbaumeister Moritz Lechler emporgeführt, fast öffnungslos, gegliedert aber von drei Gesimsbändern, worunter das unterste mit veredelndem Rundbogenfries. So wuchtig das Gebäu, dass der an sich nicht enge Durchgang in der Gesamtansicht wie der schmalste Durchschlupf!
     Zwei Riesengestalten wachen drohend über dem rundbogigen Tor, weshalb man den profanen Namen "Torturm" gerne gegen das klangvollere "Riesenturm" vertauscht. In bestem Erhaltungszustand strebt er aus dem Halsgraben, blieb tatsächlich als einziges Schlossbauwerk aus Residenztagen unzerstört! Unzerstört, aber nicht unverändert: denn 1718 ersetzte ein barocke Haube mit Laterne das einstige Zeltdach. Lustig sitzt die liebreizende Schweifung auf dem bulligen Turmkorpus. Ein formaler Gegensatz. Bis 1718 strebte das Zeltdach noch weiter in die Höhe, machte die Turmansicht gar noch monumentaler und abweisender. Ein Purist würde wohl die ursprüngliche Wirkung preferieren, unsereins aber freut sich am heiteren Gegensatz, wie dem grimmigen Wächter ein putziger Hut aufgesetzt.

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Von bester Wirkung auch die steinerne Brücke, die den Bogen über den Hirschgraben zum sogenannten "Brückenhaus" schlägt. Den Abgrund des Halsgrabens überwindend, musste auch sie zu monumentaler Wirkung aufsteigen. Bögen furchen die gewaltige Mauermasse, und von ferne grüßt der Eindruck eines römischen Aquädukts. Bis 1718, weil man sich vor etwaigen Angreifern freilich verschanzen wollte, nahm hier eine hölzerne Zugbrücke ihr Auf und Ab. Das kleine zweistöckige Brückenhaus indes stammt zwar aus dem frühen 16. Jahrhundert, musste in der Folge aber mancherlei Veränderung dulden, wie den Ersatz des Fachwerks im Obergeschoss durch Steinwände (17. Jahrhundert). 1822 richtete hier unser gräflicher Schlossretter Graimberg ein erstes Museum ein. Der wiederum rundbogige Durchgang besitzt praktisch die gleiche Größe wie durch den Riesenturm — wie unterschiedlich aber die Wirkung, die hier nämlich Großzügigkeit verspricht.
     Hoch die links des Riesenturms anschließende innere Ringmauer (einmal mehr von außen geblickt).  Und schwindelerregend hoch der Mauerzug rechts des Turmes; mit der alleine abgegangenen Überdachung des inneren Wehrganges blieb die unersteigbar scheinende Mauer nur wenige Meter hinter der Torturm zurück.
     Vielleicht vermeint man nach den bisherigen Prospekten des Spektakels genug, hält Steigerungen schlicht für nicht mehr möglich. Gefehlt! Wir umrunden nicht von ungefähr ein Gebäu mit Weltgeltung, eine Inkunabel der Romantik — und die nun zu gewahrende Steigerung ist keineswegs die letzte!
     An der Südostecke des Gevierts strebt ein weiterer Rundturm aus dem Hirschgraben, der Anfang des 15. Jahrhunderts errichtete "Krautturm". Für die Südseite des Schlosses berechnen wir also eine effektvolle Turmsilhouette: Seltenleer - Mauerabschnitt - Riesenturm - Mauerabschnitt - Krautturm. Am monumentalsten der Torturm, noch deutlich spektakulärer aber das Bild des Krautturmes. Er barg, wie der Name schon andeutet, im Untergeschoss das Zündpulver ("Zündkraut"). Vielleicht hat der Eroberer deswegen bereits 1689 gesprengt. Die planmäßig herbeigeführte Explosion führte aber zu einem wahrlich unplanmäßigen Ergebnis, das seither zu den kuriosesten Architekturbildern weltweit zählt. Der Turm mit seinen gewaltigen, fast 7 Meter dicken Mauern, er wollte nicht wie jeder x-beliebige Turm einfach zerbersten; ein riesiges und dickes Bruchstück entließ er, welches er aber nach kurzem Gleiten schon wieder an sich zog! Das seltsamste Bild und gleichzeitig ein leicht nachvollziehbares Bild: regelmäßig sieht man kleine und große Besuchergruppen im Angesichte des aufgeplatzten Turmes diskutieren und alsbald sich einigen, wie solches Werk zustande gekommen sein muss.
     Der Kraut- als Eckturm leitet nunmehr die vierte Ansicht des Schlossgevierts ein, den langen Ostabschnitt, unsere letzte Seite. Auch sie trägt ein ganz eigenes Gepräge, zeigt (abgesehen vom Krautturm) die ruhigste Seite, ein majestätisches Antlitz, das zwar wiederum durchgängig ruinös, aber ohne in eine skurrile Szenerie zu treten wie die gegenüberliegende Westseite. Gar reizvoll tritt hier zunächst der Höhenzug der gegenüberliegenden Neckarseite, Michaels- und Heiligenberg, mit in den Prospekt. Wie auf der Südseite auch hier drei Türme: Krautturm, Apothekerturm und Glockenturm. Statt verbindender Ringmauern drängen sich hier aber Wohnbauten dazwischen: der "Ludwigsbau" zwischen die ersteren beiden und  "Ottheinrichsbau" und "Gläserner Saalbau" zwischen den mächtigen Apothekerturm und den nach oben immer schlankeren Glockenturm.

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