Baukunst in Baden
  Hofstetten Kirche (40)
 


ein Bild

 

Sankt Erhard in Hofstetten (Landkreis Ortenau)   /   Hans Voss   /   1833-35

In einem kleinen Seitenzweig des Kinzigtales steht dieses seinerseits kleine, freilich feine Gotteshaus. Die scharfkantigen, kristallinen Formen, gehalten in einem strengen Weiß stehen in reizvollem Kontrast zum Grün der weichen natürlichen Umgebung des Tales. Im Ganzen ein sehr schön anzusehendes Bild.
     Die Kirche weiß um eine weitere Besonderheit, welche leicht zu gewahren in der achteckigen Turmspitze. Diese Form für den Abschluss eines Campanile findet man an den badischen klassizistischen Kirchen nur ein zweites Mal: Sankt Johannes Baptist in Oppenau (gleichfalls Sammlung '2', erbaut von Johann Ludwig Weinbrenner). Da diese Abweichung vom Kanon der Weinbrennner-Kirchen eine zentrale Entwurfsstelle betrifft, den weithin sichtbaren formalen Abschluss des Gotteshauses, ist ihr Charakter umso gewichtiger. Die weichere Form des Oktogons und auch das Zurückweichen von den Kanten des Turmunterbaus nehmen dieser Partie im Vergleich zu den anderen Weinbrenner-Kirchen die Härte und Entschiedenheit. Das Gesamtbild der Vorderseite, welche wie immer die eindringlichste, erleidet einen Verlust an Kraft und Monumentalität. 
     Nicht dass diese Attribute gänzlich verschwinden würden. Denn dank der ansonsten blitzsauberen Anwendung des primären Grundtyps der klassizistischen Kirchen Badens (der Campanile durchschneidet symmetrisch die Vorderseite des Langhauses, den Haupteingang stellend) bleibt die Ansicht weiterhin eine kraftvolle, trotz der geringen Größe des Gotteshauses gar noch eine monumentale. Alleine diese Wirkungen sind durch das Achteck des Turmaufsatzes, eine Geste, welche durch das geradezu liebliche Zeltdach klar befördert wird, spürbar eingeschränkt. Sehe man darin aber bitte keinen Eintrag, der den Wert des Bildes mindern würde; erfreue man sich lieber an der erfrischenden Variation, die Dank des Baumeisters Talent eine dem Auge ohne weiteres sehr gefällige. Betrachtet man die Kirchen des Weinbrenner-Stiles, so zieht man von monumental zu kraftstrotzend, von kraftstrotzend zu monumental. Umso erfrischender also, wenn man einer Ausnahme begegnet, die sich hierin zurücknimmt. 
     Der Baumeister Hans Voss griff hier nicht zum ersten Male zu solcher Mäßigung; selbige, wenn auch unter anderem Grundansatz erzielte er für das Gotteshaus in Kürzell (Sammlung '1', Nummer 14).

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Betrachten wie die Vorderseite eingehender: der gesamte Prospekt ist der Wirkung von Baukörpern verpflichtet. Ein konstruktives Moment, in aller Regel getragen von der Turmspitze oder Eingangsarrangements, mitunter auch Pilastern für das Langhaus/den unteren Turmabschnitt findet sich als eine weitere Seltenheit an diesem Gotteshause überhaupt nicht. Umso klarer formuliert dagegen der vertikale Zug: der Campanile als Hauptträger dieser Wirkung erhält Unterstützung von den beiden langen Nischen des Kirchenschiffes. 
     Alle tatsächlichen Öffnungen der Vorderseite vereinigt der Turm auf sich, wobei allesamt von Schmuck und Rahmungen in dunkelrotem Sandstein profitieren; diese nämlich stehen in scharfem Kontrast zum Weiß des Fassadenanstriches, was eine nochmals gesteigerte Betonung der Öffnungen leistet. Der scharf eingeschnittene Haupteingang erhielt eine Balkenverdachung auf Rollwerk-Konsolen; darauf folgt ein Halbkreisfenster; dann eine Rechtecköffnung mit abstrahiertem Dreiecksgiebel wiederum auf Rollwerk-Konsolen. Der untere Turmabschnitt wird von einem kräftigen Kranzgesims abgeschlossen, gleichsam eine Plattform für unsere liebgewonnene oktogonale Turmspitze bereitend. Das Kranzgesims, genauso wie der kräftige Geison des Dreiecksgiebels profitieren wie die Öffnungsrahmungen vom farblichen Kontrast. Dieser ist es auch, der der Ansicht insgesamt einen starken graphischen Zug einhaucht, der bestens mit den scharfkantigen Baukörpern korrespondiert. Ein allgemeiner Zug des Weinbrenner-Klassizismus.
     Die Schallöffnungen des Glockengeschoss, einfache Rundbogenöffungen auf jeder zweiten Seite des Oktogons lenken den Blick nun auch auf die Längsseiten des Kirchenschiffes. Hier fällt am meisten der weit herausgezogene Chor auf, welche das Schiff effektvoll verlängert; eine klare Horizontale als Kontrast zur Vertikalen des Campanile konstituiert. Reizvoll auch die Abschrägung der Chorecken, welche hier also die Form des Turmoktogons wiederholt. Die Öffnungen des Langhauses und des Chores sind typischerweise sehr einfach gehalten. Die langen Rundbogenfenster schneiden aber wiederum nicht ohne geringen Effekt scharfkantig in die Baukörper.
     Ersteigt man den terrassierten, direkt anschließenden Gottesacker, so erhält man das neben der Vorderseite schönste Bild des Bauwerks: die langgestreckte weiß-scharfkantige Form — lustig die im Vergleich dazu kleine Turmspitze "balancierend" - im Kontrast zu den weichen natürlichen Formen den umgebenden Landschaft.
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Quellen
1) das Bauwerk selbst - Stilmerkmale und Wirkungen; Betrachtung des Gebäudes vor Ort
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Hubert Kewitz "Der Weinbrenner-Schüler Johann (Hans) Voß", Artikel aus "Geroldsecker Land" 1974, Heft 16, S. 89-103

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