Baukunst in Baden
  Gondelsheim
 


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Das Dorf Gondelsheim, zwischen Bruchsal und Bretten, glänzt mit einem der schönsten eklektizistischen Orte Badens, namentlich durch einen vor dem Dorfe angelegten Park, dessen Zierde drei feine Bauwerke verschiedenen Stiles. Was nun in Städten gang und gebe, nämlich Bauwerke verschiedener Epochen, jenen Städten stets größten Reiz verleihend, tritt dort als ein einziger Organismus, als gewachsene Struktur auf. Hier dagegen, im Schlosspark zu Gondelsheim wirkt alles durchaus künstlich angelegt, darum der Begriff eklektizistisch, ohne weiteres ein ergreifendes Schauspiel.
     Der große Schlosspark, welcher zudem noch in einen benachbarten Wald übergeht, was der Anlage nurmehr zu weiterem Ansehen verhilft, begriffen neben dem eigenen Reize als glücklichste Bühne; als eine Bühne für drei Bauwerke, welche denselben sowohl eigene Geltung verschafft als auch, freilich je nach Perspektive, die die Anlage vollendende Gesamtschau. Wo jedes Gebäude für sich von Schönheit — das eine mehr, das andere weniger — bringt die vom Park umschlossene Gesamtschau erst das Besondere, das eigentliche Lob der merk-würdigen Komposition.
     Betrachten wir also die Anlage, Gebäude für Gebäude. Habe man dabei, um die Lebendigkeit des ganzen nicht zu verfehlen, im Geiste das Singen und Lachen der Kinder, denen man in Gestalt einen Spielplatzes gleichfalls Rechte am Schlosspark einräumt. Verachte man das wilde Treiben nur nicht, denn als vielleicht wichtigstes überhaupt, vollendet sich darin das Malerische der Situation.
     Das auffälligste der drei Bauwerke, gleichzeitig Hauptbestandteil des Arrangements das DOUGLAS'SCHE SCHLOSS. Erbaut im Jahre 1857, in einem romantischen, vor allem neugotischen Stil, erinnert es ohne weiteres an den englischen Tudor-Stil, und das nicht durch Zufall, vielmehr auf begründete Veranlassung des damaligen Schlossbesitzers. Jener nämlich, Graf Douglas, besaß schottische Wurzeln, wenngleich das Schicksal seine direkten Vorfahren den Umweg über Schweden machen lies, um von dort aus in Zeiten des 30jährigen Krieges in Bekanntschaft mit dem Hause Baden zu treten, welche endlich zu neuerlicher Übersiedlung Anlass. Wohl stand an dieser Stelle bereits seit Jahrhunderten ein Schlossbau, von welchem aber zugunsten des gotisierenden Neuanfangs nichts mehr sichtbar. 

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Der Anblick des Schlosses bereitet gerade im Zusammenhang mit dem umgebenden Park romantische Freuden. Seine schönste Partie ein Turm mit markanter Spitze, vor allem durch Wichhäuser an den Ecken des Daches. Von ihm ausgehend zwei Flügel, wie der Turm selbst aus ruhigem gelben Sandstein. Nach Durchquerung eines pittoresken neugotischen Tores, welches den Eingang in den Schlosspark gar glücklich markiert, stellt sich alsbald und in Längsrichtung der gefälligere der beiden vorgenannten Flügel entgegen, gleichzeitig der Eingangsflügel. Ein zweigeschossiger Giebelbau von sorgfältiger Detailsprache, ausgestattet mit zwei Vorbauten, schmuckreich aber erst im letzten Moment die Gefahr der Fassaden-Überladung bannend. Er zusammen mit dem Turm hinterlässt durchaus einen märchenhaften, zumindest lieb-verspielten Eindruck, so man gestattet ein Neuschwanstein im Kleinen — erst recht eine Geschmacksfrage also. Wie den meisten Bauten, welche im Historismus des 19. Jahrhunderts wohl penibel inszeniert, geht dem Schlosse die Ernsthaftigkeit durchaus ab, das Raue und die Strenge echter Gotik. 1906 fügte man noch einen Flügel im Jugendstil hinzu; er ergänzt auf niedrigerem Niveau.
     Ihm zunächst, auf einem kleinen Hügel, ein alter, aus dem Mittelalter geretteter Bergfried mit Zinnenkranz. Also doch ein Überbleibsel des alten Schlosses? So jedenfalls vermuten gewiss die meisten Besucher — auch meine Person nicht anders. Aber eine löbliche Info-Tafel belehrt schnell eines besseren. Was so trutzig daherkommt, wollte tatsächlich abweisend sein, jedoch nur als der Turm einer WEHRKIRCHE. Die gotischen Spitzbogenfenster unterhalb des Zinnenkranzes geben den besten Hinweis auf den klerikalen Hintergrund. Spannungsvoll entwickelt sich der Turm aus einem Viereck in ein Sechseck in die Höhe. Der Turm, übrigens samt seines Schiffes, trotzte auch den für die Baulichkeiten dieser Region schlimmsten 17. Jahrhundert. Dann aber, anscheinend im Zuge des Schlossbaus, raubte man dem Turm sein romanisches Schiff (sic!). Stünde das Langhaus noch, man fände hier eine der wertvollsten Kirchen der weiteren Umgebung. Da wir aber die Dinge nehmen müssen wie sie sind, sehen wir im Turme eben eine der wertvollsten Kuriositäten (was keineswegs negativ gemeint).

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Dem Turme zur Seite, eigentlich schon außerhalb des Schlossareals, aber dennoch mit diesem im Zusammenhang begreifbar, das tatsächliche Gotteshaus, die EVANGELISCHE KIRCHE des Ortes. Ab 1842 errichtet, das Werk eines der großen des deutschen Romantizismus, des badischen Oberbaudirektors Heinrich Hübsch. Wohl zeigt der Kirchenbau den für Hübsch typischen neuromanischen Einschlag, deutlich spürbar aber auch noch der Einfluss seines klassizistischen Lehrers Weinbrenner. Hübsch hat eine große Anzahl schönerer Kirchen errichtet nachdem er das "Joch" des Lehrmeisters endlich abgeschüttelt, welches ihn eingedenk seiner Stilvorstellungen mehr hinderte als förderte. Die Gondelsheimer Kirche nun darf immerhin den Anspruch erheben wichtiges Bindeglied zu sein zwischen Weinbrenners wuchtigem Klassizismus und Hübsches feinfühligem Romantizismus.
     Was großen Reiz für die Gesamtschau bestellt findet sich neben der Stellung eines dritten Turmes in der Putzfassade, welche glücklich zu den beiden aus Naturstein errichteten Bauwerken kontrastiert.
Außerdem natürlich ihr Baustil. Rechnen wir zusammen haben wir derer nunmehr drei: pittoresk-neugotisch das Schloss (den wenig auffälligen Jugendstil außenvorlassend), trutzig-echtgotisch der Kirchturm und weich-neuromanisch die Putzfassaden der evangelischen Kirche. Alles gefasst von Natur, zumeist vom Schlosspark — nochmals, ein gefangennehmendes Bild!
     Ein Absurdität findet sich freilich auch — der Leser hat sie wohl schon gewahrt — man baute sich eine neuromanische, die Romanik also nachahmende Kirche und die originale Romanik des benachbarten mittelalterlichen Kirchenschiffes, ungleich wertvoller, gab man dem Untergange, dem Abriss preis!  "Welch' Geschlecht!" möchte man wohl ausrufen. Immerhin aber liegt darin eine gewisse Komik, auf dass man doch Humor walten lassen kann, was umso leichter in Anbetracht des großen Liebreizes der eklektizistischen Anlage.


Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale; Ort und Landschaft
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester  "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Website  www.gondelsheim.de
4) örtliche Informationstafeln

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