Baukunst in Baden
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Wie bei der Stadt selbst beginnt auch für uns das den Ort erst begründende SCHLOSS. Ab 1715 zunächst als Holzkasten zusammengezimmert, wurde es noch innerhalb des 18. Jahrhunderts in einen würdevollen Steinbau transformiert. Es spannt die (Alt-)Stadt Richtung Süden auf und mit seinem gelben Anstrich, von der Sonne bestens in Szene gesetzt, strahlt es förmlich in den Stadtkörper hinein. Am wichtigsten, neben dem SCHLOSSTURM, welcher der genaue Mittelpunkt des Fächersystems, der HAUPTFLÜGEL mit dem Corps de Logis und die beiden langen SEITENFLÜGEL. Sie nämlich führen eine ergreifende Geste aus.
     Gewiss, der letztlich bescheidene Schlossbau, verputzt und ohne viel Gebäudeschmuck, kann mit den Vorzeigebeispielen deutschen barocken Schlossbaus, was die Schönheit der Fassaden angeht, keineswegs mithalten. Die Residenzpaläste Würzburgs, Berlins (Potsdams) oder Ludwigsburgs liegen weit vorne; ja selbst mit den badischen Kontrahenten Mannheim, Bruchsal und Rastatt muss er sich tüchtig balgen. Die Geste aber des Karlsruher Schlosses, welche es also dem überragenden Stadtgrundriss verdankt, vermag niemand zu überbieten (nicht einmal Versailles!). Die meisten Schlösser nämlich schieben die Seitenflügel blockartig nach vorne, vor allem einen Ehrenhof gewinnend, aber auch die Stadt dem Schloss-Hauptflügel auf Distanz haltend. Der barocke, auf Verbindung von Palast und Stadt angelegte Schlossbau brachte wohl Fürst und Volk in einen Stadtkörper, Distanz aber sollte noch gewahrt werden, ablesbar an genannten Beispielen bis heute. Das Karlsruher Schloss dagegen öffnet die beiden Seitenflügel weit, gleich einem Menschen, der seine Arme ausbreitet um im nächsten Moment einen Geliebten zu empfangen. Ob dieser aufnehmenden Geste besitzt kein anderes Schloss mehr Anziehungskraft! Ist man erst einmal auf dem großen vorgelagerten Schlossplatz angelangt findet man sich wie von selbst angelockt — das optisch weiche Fassadenmaterial, die weichen barocken Formen und der überschaubare Gebäudeschmuck tun ein übriges. Alles nimmt auf, nichts weist zurück.
     Wenige NEBENGEBÄUDE ergänzen. Zwei größere Bauten stehen ein wenig zurückgesetzt von den Seitenarmen, dominiert jeweils von Mittelrisaliten mit Segmentbogengiebel und verbunden mit den Seitenflügel über prächtige Torbauten. Außerdem zwei Wachhäuschen vor der Eingangsseite, niedrig, förmlich geduckt, versehen mit Dreiecksgiebel und Säulenhalle — kleine Sehenswürdigkeiten für sich.
     Insgesamt präsentiert der Palast einen entzückenden Prospekt zur Stadt: der Hauptflügel mit Corps de Logis, letzterer veredelt von Dreiecksgiebel und repräsentativem Balkon auf vier toskanischen Säulen; dahinter lugt der Schlossturm mit Dachlaterne hervor; davor die beiden geduckten WACHHÄUSER; dann der Übergang zu den langen Seitenflügeln, welcher durch nach vorne tretende formale Gelenke ausgezeichnet bereitet. 

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Schließlich die beiden Flügel selbst, deren Enden gleichfalls schön betont und wiederum mit repräsentativen Balkonen bestückt; zuletzt die Nebengebäude mit Segmentbogengiebel. Diese Ansicht profitiert sehr von einer weiteren Merk-Würdigkeit, dem doppelten SCHLOSSGARTEN. In aller Regel grenzen barocke Schlösser mit ihrer Vorderseite direkt an den Stadtkörper, die Rückseite dagegen leistet sich eine große Parkanlage. Unser Palais dagegen nimmt sich hinten und vorne einen Garten, was neben der feinen natürlichen Einbettung vor allem den Vorzug besitzt, dass man eine freie Aussicht auf die lange Eingangsseite genießt.
     Andere barocke Bauten findet man in Karlsruhe nur noch ausgesprochen selten, des ersetzenden Historismus' und zerstörenden Krieges wegen. Besondere Erwähnung verdient die sogenannte KLEINE KIRCHE, ein gar feiner kleiner Kirchenbau, welcher sich vom Schlosse aus recht bald einem der von demselben ausgehenden Strahlen entgegenstellt. Entworfen von Weinbrenner-Vorgänger Jeremias Müller, welcher dem Barockstil noch sehr verhaftet, zeigt das Gotteshaus bei Ausführung in rotem Sandstein viel Gebäudeschmuck (auf der Vorderseite), welcher aber geschickt arrangiert. Die Turmspitze mit ihren Pilastern immerhin erinnert durchaus schon an Weinbrenner, war ihm gewiss Inspiration. Müller zeichnet sich auch für das ehemalige ZEUGHAUS verantwortlich, dessen länglicher Hauptbau militärisch nüchtern, dank zahlreicher Pilaster von kraftvoller Ausstrahlung — einer der ganz wenigen (früh-)klassizistischen Bauten der Markgrafschaft vor Friedrich Weinbrenner, deutlich schon auf ihn verweisend.
     Friedrich Weinbrenner, aus Rom zurück, trat, den Barockstil in Bausch und Bogen verwerfend, einigermaßen polternd auf. Und in der Tat, seine Konzeption der klassizistischen Monumentalität steht in beinahe rüdem Verhältnis zum Feinsinn des Barock, und dennoch, sieht man genauer hin, so lassen sich ohne weiteres Kontinuitäten zum Vorgängerstil ausmachen. Zum Glück für Karlsruhe hielt seine entwurfliche Ausführung nicht Schritt mit der abweisenden Rhetorik, nur so nämlich konnte trotz der Gegensätzlichkeit Barock — Klassizismus das treffliche homogene Stadtbild entstehen.
     Bevor wir mit Weinbrenners Bauten konkret werden, geht der Weg nochmals zurück zum stadtgründenden Schloss. Die Hauptachse des Strahlensystems nimmt ihren Ausgang bei dessen Corps de Logis, letztlich am Haupteingang. Von hier aus nun durchläuft sie zunächst den stadt-seitigen Schlosspark, dann dringt sie in den Stadtkörper ein; man nennt sie gerne VIA TRIUMPHALIS, mit einigem Recht wie wir sehen werden.

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Noch wichtiger als jene Hauptachse ist der Stadt die breite KAISERSTRASSE, welche die Via Triumphalis bald nach Eintritt in den Stadtkörper im rechten Winkel schneidet; und hier an jener Kreuzung, welche wie weite Teile der Stadt autobefreit, entbreitet sich zentral der wichtigste Platz der Stadt, der MARKTPLATZ. Er rühmt sich Weinbrenners Meisterwerk, was von Bedeutung, damit nämlich finden wir im Markplatz die  gelungenste klassizistische Platzgestalt Deutschlands überhaupt.   
     Dennoch blieb er Torso — ein fulminanter Schaden, der Weinbrenner sehr bedrückte. Wohl folgte man seinen Plänen, verweigerte sich nur bei einem relativ kleinen Anteil der Platzbebauung. Dieser aber hätte aus dem weiten Platz ein veritables Forum des Klassizismus gezaubert, eine ergreifende Neuinterpretation des bewunderten griechischen und römischen Themas. Es möchte wohl keiner glauben, aber vollständig im Sinne Weinbrenners wäre der Karlsruher Marktplatz einer der schönsten Plätze Europas. Die Bürgerschaft sah es nicht so, leider auch der immer fördernde Großherzog nicht — was letztlich immerhin dahingehend nachvollziehbar, als der Platz auch unvollendet von zweifellos schöner Gestalt. Die leichter zufriedenzustellenden Laien-Augen obsiegten über den Experten — alles, nur kein unübliches Schicksal.
     Betrachten wir den Platz zunächst in seiner heutigen Gestalt. Auch er wurde Opfer der Bombennächte des Zweiten Weltkrieges, wobei einige Partien dergestalt erhalten blieben, dass man sich bis Anfang der 50er Jahre in einer antiken Ruine wähnen konnte! Kluge Menschen, deren Lob man nicht laut genug verkünden kann, behaupteten sich gegen absurde modernistische Pläne, erbauten die Platzgebäude zumindest dem Äußeren nach im historischen Sinne.
     Der Marktplatz, die Via Triumphalis im Grunde einfach aufweitend, besteht aus zwei Hälften. Die südliche wurde höchster Monumentalität anheim gestellt; direkt einander gegenüber stehen hier die EVANGELISCHE STADTKIRCHE und das RATHAUS (an prominenter Stelle also, wenn man so will die beiden Gegenpole zum fürstlichen Hofe — das jedenfalls die ursprüngliche, heute natürlich nicht mehr existente Konzeption). Das Gotteshaus ist eine geschickt aufgeteilte Massenkomposition, das Rathaus dagegen ein homogener, horizontal-dynamischer Block. Symmetrisch in der Gebäudemitte führen beide einen Tempelportikus, das klassizistische Lieblingsthema schlechthin. Beeindruckend zumeist der enorm hohe Portikus der Kirche, in römisch-vertikaler Proportion und mit korinthischen Säulen. Rückwärtig, wichtig für die auf Massenwirkung bedachte Komposition des Platzes, halten Rathaus und Kirche jeweils einen Turm in die Höhe.

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Die nördliche Hälfte nimmt sich um einiges bescheidener aus, wiewohl sie um einiges größer. Blickfang eindeutig die mittige PYRAMIDE aus rotem Sandstein, neben dem Fächer das Wahrzeichen Karlsruhes. Ursprünglich nahm sie das Grab des Stadtgründers Markgraf Karl-Wilhelm auf, darum die Monumentalität, welche sich als ein Nebenzug des Klassizismus der ägyptischen Formensprache bediente. Die Platzwände dagegen sind gewöhnliche Wohn- und Geschäftsbauten, eingedenk des Ortes monumentalisiert immerhin durch die hohen Arkaden (Schönheit also darf ihnen nicht abgesprochen werden). Manchem Besucher, Einheimische haben sich längst daran gewöhnt, erscheint die nördliche Platzhälfte zu groß — und das mit gutem Recht, sie nämlich ist der eigentliche Torso. Weinbrenner hatte zwei niedrige hufeisenförmige Flügelbauten (ohne Rundung) vorgesehen, die sich mit ihrem jeweiligen Ehrenhof zur Via Triumphales öffnen sollten. Sie hätten die von der Pyramide begonnene Staffelung der Baukörper (welche ihren Endpunkt in den Türmen von Kirche und Rathaus findet) geschickt weitergetragen, bestückt mit Dreiecksgiebeln, Pilastern und Säulen, die Idee eines Forums gar trefflich produziert.
     Schreitet man die Via Triumphalis weiter in Richtung Süden, den Marktplatz hinter sich lassend, gelangt man bald auf den kleinen RONDELLPLATZ, von — wie der Name schon erklärt — runder Form und bis zum Weltkrieg der schönste Platz Karlsruhes. Er ging gleichfalls (beinahe) komplett unter. Wohl besteht er noch in seiner reizvollen Grundform, die Platzwände aber zeigen statt des historischen Klassizismus zumeist Allerwelts-Modernismus, unfähig dem Betrachter auch nur das geringste Interesse abzugewinnen. Außerdem nimmt sich hier seit 2005 ein riesiges Einkaufszentrum den Haupteingang und hat sich zu diesem Zwecke eine unter Denkmalschutz stehende Fassade — sie als einzige überlebte an dieser Stelle den Krieg — einverleibt (oder richtig gesagt einverleiben müssen!), was überaus ulkig anzusehen, zumal weil sie in Neo-Renaissance zwar nicht von besonderem Wert, aber mit weitem Abstand das schönste des Konsum-Kolosses.
     Ein Gebäude immerhin errichtete man wieder, auch dieses von Weinbrenner, namentlich das MARKGRÄFLICHE PALAIS — ein weiterer monumentaler Höhepunkt der Stadt. Zwar ließ man nur einen Teil der ehemals großzügigen Anlage neu aufleben, dieses aber nicht von ungefähr, denn jene Partie ist zweifellos die einst wichtigste. Ein Bild der Dynamik und Spannung: die eigentliche Gebäudewand konvex gekrümmt dem Platzrund folgend, die Fassade horizontal geschichtet — ihr tritt ein Tempelportikus von wiederum römisch-vertikaler Proportion entgegen, also den immer reizvollen Kontrast waagrecht-senkrecht evozierend.
     Den Endpunkt der Via Triumphalis, nicht mehr ferne in südlicher Richtung, besorgte bis ins späte 19. Jahrhundert, als man es inspirationslos als Verkehrshindernis abriss, das Ettlinger Tor; gleichfalls von Weinbrenner und nach dem Brandenburger Tor in Berlin das schönste klassizistische Stadttor Deutschlands. Ein ungeheurer Verlust, vor allem für den Stadtraum der Triumphstraße.

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Bleiben wir noch eine kurze Weile bei Weinbrenner, abschließend zwei weitere Monumentalbauten betrachtend. Auch der katholischen Gemeinde durfte Weinbrenner ein Gotteshaus errichten, mit einem Entwurf, den man als seinen besten überhaupt bezeichnen darf: SANKT STEPHAN. Ein wenig zurückgesetzt am Friedrichsplatz (im westlichen Teil der "Altstadt") interpretierte Weinbrenner das antike römische Pantheon als Massenkomposition — ein aufreizend zerklüftetes Gebilde aus rotem Sandstein um eine große Rotunde, bestückt schließlich mit einem Kirchturm und einer schönen Säulenkolonnade am Haupteingang. Das Gebäude mit wenigen Öffnungen in bildhaft arrangierten Fassaden profitiert sehr von der optischen Härte des Sandsteins, strahlt neben der für Weinbrenner typischen körperhaften Wucht etwas Geheimnisvolles aus.
     Ohne Zweifel eine im Klassizismus nur selten übertroffene Kirche, eine der schönsten Badens allzumal. Die Pantheon-Interpretation im übrigen war beliebtes Thema der Baumeister des 18. und 19. Jahrhunderts. So schuf z.B. Weinbrenners Schüler Georg Moller ein gleichfalls hervorragendes Exempel in Darmstadt, welches getreu dem römischen Vorbild auf einen Kirchturm verzichtet — eben jener war Weinbrenner für St. Stephan ein echter Dorn im Auge, nur ein Zugeständnis an die vehemente Forderung der katholischen Entscheidungsträger. Nichtsdestotrotz band Weinbrenner den Kirchturm geschickt ein — so wirkt er keinesfalls störend, vielmehr würdevoll bereichernd.
     Verbleibt noch die GROSSHERZOGLICHE MÜNZE in der Stephanienstraße, welche im übrigen ein Strahl des Fächersytems. Die Münzprägestätte ist ein Spätwerk Weinbrenners, von wuchtiger Wirkung aber, als stammte sie aus frühsten Tagen. Ein Gebäude von enormer Länge, beinahe schlossartig mit einem Corps de Logis; und mit charakteristischer Aufteilung der langen Front in klar definierte Abschnitte um der Monotonie entgegenzuwirken (beim Zeus! — so etwas hielten unsere Altvorderen also für unangebracht): mittig der Corps de Logis (bleiben wir einfach bei dieser Bezeichnung), würfelartig, mit schönen Details und Dreiecksgiebel, dann Seitenflügel, zwei Tordurchfahrten und am Ende der symmetrischen Komposition zwei kleine Bauten als Umsetzung antiker Schatzhäuser. Die Münze schließt die wichtige Karlsstraße nach Norden ab, bietet also einen weithin sichtbaren Blickfang.

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Auch die STEPHANIENSTRASSE selbst ist unbedingt einer Besichtigung wert, sie zeigt nämlich nichts weniger als den letzten erhaltenen Straßenzug von 1830; sie alleine überstand Historismus, Weltkrieg und Modernismus (einige Narben finden sich freilich auch hier). Entsprechend wirft sie das für die damalige Zeit ruhige homogene Bild vor Augen; auch gibt der Maßstab, die niedrige Bebauung zur Straßenbreite, einen guten Begriff von der einstigen Wirkung der Stadt — und man versteht wohl die Worte Kleists "klar und lichtvoll wie eine Regel".
     Dem Strahl der Stephanienstraße Richtung Schloss folgend versperrt recht bald "Hübsches Spielwiese" den direkten Zugang. Heinrich Hübsch, Nachfolger Weinbrenners, tat sich badenweit vor allem als talentierter Kirchenerbauer hervor, als einer der größten dieses Faches überhaupt in Baden. In Karlsruhe dagegen — Weinbrenner hatte die großherzogliche Hauptstadt praktisch vollendet — kam er nicht allzu oft zum Zuge. Ein Glanzlicht immerhin durfte auch er noch zum Leuchten bringen, namentlich das Areal südwestlich des Schlosses, durch den Strahlengrundriss nicht unähnlich einem Tortenstück. Hier nun, beinahe wie eine Konzession, durfte sich Hübsch nach Herzenslust austoben: Botanischer Garten, Hoftheater und die Kunsthalle — lukrativer ging's kaum.
      Der BOTANISCHE GARTEN, noch heutigentags sehr beliebt, respektive die ihn säumenden Gebäude bilden eine lange Kette durchweg ansehnlicher Machart, im für Hübsch kennzeichnenden Romantischen Stil. Zumeist reüssieren die prächtige ORANGERIE mit einer von Säulen getragenen Kuppel, sowie ein markanter TORBAU mit zwei Rundtürmen, der von insgesamt geradezu märchenhafter, wahrhaft romantischer Ausstrahlung — außerdem der letzte bedeutende Torbau Badens!
     Die KUNSTHALLE, ein mehrfach erweitertes Gebäude (am schönsten immer noch die Partie Hübsches), gefällt vor allem durch das prachtvolle, detailreiche Portal, das Säulen und Dreiecksgiebel nicht missen lässt. Hier überwiegt die Interpretation frühchristlicher Renaissance. Gewiss eine der schönsten Ansichten des deutschen Romantizismus.
     Das HOFTHEATER war ein Nachfolgebau Weinbrenners, welcher Raub eines fürchterlichen Brandes. Sehe man in ihm eines der Meisterwerke Hübsches, nach Schinkels Berliner Schauspielhaus und der Dresdner Semperoper das schönste Theater Deutschlands! In den frühen 1950er Jahren sah man's leider noch nicht so. Das Gebäude zeigte zwar Bombenschäden, hätte aber ohne weiteres wiederhergestellt werden können (Schloss und Markplatz waren stärker mitgenommen), alleine das schmuckvolle, prächtige Gebäude besaß nicht genug Fürsprache, ward schließlich abgerissen. 

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Heute sind hier die Glas-Naturstein-Kisten des Bundesverfassungsgerichts übereinander gemurmelt — und es liegt bestimmt nicht an der beherbergten Institution, dass einem darüber beinahe das Herz zerspringt. Ein Barbarenvolk muss uns überfallen haben, jeden Kunstsinn unterjochend — ja, eine funktionalistische Barbarei, die schlicht nicht im Stande eine das Auge erfreuende Ästhetik zu entwerfen. Alles ist glatt und blank, wie es scheint alleine darauf bedacht, die Blicke des Betrachters möglichst schnell und ungebremst "vorbeirutschen" zu lassen. Aber auch hier: wie ergreifend zeitgemäß! Lassen wir Goethe sprechen: "Die höchste Aufgabe einer jeden Kunst ist, durch den Schein die Täuschung einer höheren Wirklichkeit zu geben."[1]. Der Mensch des 20. Jahrhunderts aber, das Säugetier als Zufallsprodukt der Evolution — es besitzt ja gar keine höhere Wirklichkeit mehr, warum also eine solche abbilden? Vielleicht aber gibt es dieser Tage nichts moderneres als entschieden unzeitgemäß zu sein.

Das Urteil über Karlsruhe, gleich ob unter Einheimischen oder Besuchern fällt erstaunlich zwiespältig aus — nicht zu unrecht, und, wenn erlaubt, werfe ich die 12 Jahre, welche meine Person in Karlsruhe studierend und arbeitend verlebte, in die Waagschale.
     Es ist ein leichtes Karlsruhe zu schätzen, aber auch kaum schwerer die Nase zu rümpfen — alles hängt davon ab, was einem gerade vor Augen. Spaziert man vor dem stadtgründenden Schloss, respektive in den beiden Schlossparks und dem botanischen Garten, oder befindet man sich auf Weinbrenners Marktplatz, so fällt das Lob ganz leicht — beides gehört zum Schönsten Badens wie Deutschlands. Auch vermag der parkartige FRIEDRICHSPLATZ mit dem romantischen Museumsgebäude für Naturkunde zu gefallen, genauso der dreieckige urbane LUDWIGSPLATZ und hier und da vielleicht noch manch anderer Winkel (die Stephanienstraße z.B.). Der noch gut erfahrbare Stadtgrundriss gilt natürlich auch als echte Sehenswürdigkeit, wenngleich die den Straßenraum bildenden Gebäude zumeist aus modernistischer Hand. Und an diesem Punkte beginnt alles zu kippen.
     Man findet im ehemaligen Altstadtbereich zahlreiche Partien, welche mehr oder weniger komplett im Stil unserer Zeit — Flair und urbane Qualität sagt diesen keiner nach. Am traurigsten vielleicht die Geschichte des sogenannten DÖRFLES, einem Quartier aus den Anfangstagen Karlsruhes, bewohnt von Arbeitern niederer Schicht, ärmlich wohl, keineswegs aber armselig, vielmehr, wie alte Bilder beweisen, erstaunlich heimelig. Das Quartier hatte den Bombenkrieg relativ gut überstanden. Saniert, wie Beispiele aus anderen Städten nahe legen, wäre es heute dank des kleinen Gebäudemaßstabs, der Lebendigkeit und natürlich trotz allem vorhandener, wiewohl moderater Fassadenausschmückung das urigste Viertel, eine echte Sehenswürdigkeit. 

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Die Sanierung kam auch, jedoch nur in Gestalt durch die Lüfte schwingender Abrissbirnen. Das Viertel wurde dem Erdboden gleich gemacht. Anschließend für Unsummen und seinerzeit gerne als Vorzeigeprojekt präsentiert der Charme der Wohnsilos implementiert. Heutigentags, die Fassaden des Modernismus können grundsätzlich und im Gegensatz zu den historischen, wie auch im Gegensatz zu allem Lebendigen (denke man sich einen Baum, besser noch das Antlitz des Menschen) nicht würdevoll altern. Ihr zunächst gerne gefeierter modischer Glanz besitzt eine verblüffend niedrige Halbwertszeit — hernach werden diese Bauten einfach unansehnlich wie liegengelassenes Obst. Den peniblen standardisierten Fassaden jedenfalls tut nichts mehr weh als hundsgewöhnlicher Staub, der sich nirgendwo besser manifestiert als auf jenen glatten Flächen — und weil hier nicht das mindeste Ästhetische den Blick auf sich ziehen kann, erfasst das Auge umso leichter die dann immer irritierenden Schmutzflächen.
     Sei auch dies nochmals ausdrücklich vermerkt, im Absprechen der kunstgewirkten Ästhetik wird keinesfalls verunglimpft — die modernistischen Planer selbst lassen die Schönheit nämlich ganz offen außen vor, bestehen nie auf mehr als den funktionalen und noch lustiger den "zeitgemäßen" Ausdruck. Aber "zeitgemäß", was bedeutet dieses als Auszeichnung verwendete Adjektiv überhaupt? Auch die Leibeigenschaft oder der Judenhass waren einst erschreckend zeitgemäß; darin aber würde kein Mensch etwas Positives sehen — "zeitgemäß", das ist durchaus entlarvend, aber niemals a priori wertvoll. Entsprechend besitzt diese Einschätzung immer nur vorschützenden Charakter und entsprechend sieht das Dörfle heute aus (nunmehr kann man durchaus das Wort "armselig" benutzen).
     Hat man also solche Partien vor Augen, was leicht, weil sie im Stadtzentrum überwiegen und schließlich ihr Charakter auch von der wichtigsten Straße, der Einkaufsmeile der Stadt, der Kaiserstraße erfolgreich transportiert  wird, so kann man schwerlich zu einem guten Urteile finden.
     Vielleicht bringt man ja in einem freien hegelschen Sinne das Gute und das Böse für eine höhere Stufe dennoch zusammen. Durchschreite man also die weniger schönen Straßen ohne viel Aufhebens (Aufsehens), den Blick gerne entlang der vielen Strahlen zum wunderbaren Schloss, die kraftvollen Bauten Weinbrenners (auch die seiner Schüler) nicht säumend, schließlich Schloss- und Botanischen Garten fleißig nutzend, so bringt man Gut und Böse wohl zusammen und hat am Ende einen wohltuenden Eindruck von der alten Residenzstadt. Das jedenfalls haben mich meine Karlsruher Jahre gelehrt.
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[1] Goethe: "Gesammelte Werke Band 6 - Wahrheit und Dichtung", Bertelsmann 1954, S. 407

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Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale und Wirkungen; Stadt und Landschaft
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester  "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Website  www.karlsruhe.de
4) örtliche Informationstafeln
5) Arthur Valdenaire "Friedrich Weinbrenner: Sein Leben und seine Bauten", C. F. Müller, 4. Auflage  Heidelberg 1985 (im Original: Braun Verlag, Karlsruhe 1926)
5) Dieter Dolgner "Klassizismus", E.A. Seemann Verlag Leipzig 1991
6) Tilman Mellinghoff, David Watkin "Deutscher Klassizismus: Architektur 1740-1840", Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1989
7) Dr. Ernst Otto Bräunche, Dr. Manfred Koch "Karlsruhe in alten Ansichten", Europäische Bibliothek Zaltbommel/Niederlande, Stadtarchiv Karlsruhe 1995


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