Baukunst in Baden
  Wiesloch
 

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Wiesloch kann sich auf ansehnliche Bauwerke berufen. An erster Stelle verdient ein recht gut erhaltener STADTMAUERZUG im Süden der Altstadt Erwähnung, "angefressen" zwar, immerhin aber mit DREI TÜRMEN, und den historischen Kern wohltuend separierend von den angrenzenden wenig erbaulichen Stadterweiterungsversuchen. Ein hier einst existierendes Stadttor ging leider ab, jedoch findet sich noch ein altes WÄCHTERHAUS, in Einheit mit einem der drei Türme und noch einiges an Detailsprache in den Stilen der Spätgotik/Renaissance bereithaltend — durchaus ein Kleinod dieser in Baden mehrfach zu gewahrenden Stilvermischung!
     Mit dem BERGFRIED der einstigen WIESLOCHER BURG blieb denn gar ein vierter Turm der Befestigung erhalten. Im 18. Jahrhundert per barockem Zwiebeldach mit Laterne neu gedeckt, markiert er heute auffällig den Polizei-Standort. In nächster Nähe die SANKT-LAURENTIUS-KIRCHE in zurückhaltender barocker Formenwelt, aus rotem Sandstein und lustigerweise im Gegensatz zur Polizei auf einen Campanile verzichtend! Der statt dessen implementierte Dachreiter darf mit seinen zwei Laternen immerhin als eleganter gelten.
     Die zweite Kirche des Altstadtbereiches, die EVANGELISCHE STADTKIRCHE besitzt zwar Mauerreste aus dem elften Jahrhundert, verdankt die rundbogigen Fensteröffnungen aber gleichfalls dem Barock. Die Stadtkirche entbietet sich ausgesprochen zurückhaltend und hinter ihren kargen Fassaden vermutet man leicht die auf Äußerlichkeiten wenig bedachte evangelische Konfession. Die asymmetrische seitliche Anordnung des Kirchturmes und dessen gezackte Eckquaderung bietet dennoch einigen Reiz.
     Das bedeutendste Gebäude erwartete den Autoren noch, ein wenig abseits der Fußgängerzone, der sogenannte FREIHOF. Gleich dem eingangs beschriebenen Torwächterhaus ein Kleinod des Mittelalters, dieses jedoch um einiges übertreffend. Zwar ist am Freihof nicht gerade viel dran, das wenige jedoch ward gezielt eingesetzt und verleiht dem steinernen Haus ein markantes Antlitz. Betrachtenswert vor allem die nach außen blickende Giebelfassade, ein wegen des leicht ansteigenden Altstadtterrains über Jahrhunderte weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadtsilhouette (auch der Merian-Stich des 17. Jahrhunderts, der "Wißeloch" als reizvollstes Kleinstadt-Idyll zeichnet, zeigt den auffälligen Giebel). Ein steinernes Stadthaus des Mittelalters, selten genug also in diesem Teile Badens; die Öffnungen wurden nach Größe und Form den inneren Ansprüchen gemäß aus der Wand gebrochen, worüber sich ein lustig unregelmäßiges Fassadenbild erbaut. 
     Der Autor folgt hier ohne weiteres den Funktionalisten des Neuen Bauens (1920er Jahre), also den Vätern des Modernismus, welche seinerzeit bemerkten, dass funktional gesetzte Öffnungen (also den Innenraum-Erfordernissen entsprechend) von alleine auch der äußeren Erscheinung Gefälligkeit verleihen. Damals wurde so manches als neu präsentiert, was in Wirklichkeit nur Gemeingut der von den Modernismus-Initiatoren wenig geschätzten Bauhistorie war. Forsch vorgetragen, im Geiste der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg revolutionär und radikal, vermochte man die historischen Bezüge zu überdecken. Ein treffliches Beispiel für durchaus Richtiges, zugleich auch Irrtümliches jener Denkweise bietet uns der Wieslocher Freihof. Das Richtige ward schon getroffen; die unregelmäßig gestreuten Öffnungen bieten tatsächlich ein gefälliges, weil lebendiges Bild. 

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Dagegen das Irrtümliche: sie vermögen es keineswegs aus eigener Kraft! Das Gebäude nämlich besitzt genau jenes Mindestmaß an Details, welches letztlich ein ästhetisches Auftreten erst ermöglicht. Hier nennt man vor allem den markanten Treppengiebel, der dem Gebäu einen durchaus monumentalen Ausdruck verschafft; ferner natürlich die steinernen Öffnungsrahmungen und die Eckquaderung. Was, bitte schön, wäre die Fassade noch wert ohne diese unfunktionalen, einzig der Optik dienenden Beigaben? Wohl bliebe die Lebendigkeit der Fenster-Anordnung; alleine die Luft zum Atmen, welche den ästhetischen Tod — die Reizlosigkeit — verhindert, weht aus den gezeigten, den rein formalen (unfunktionalen) Einzelheiten.
     Hier und da, wir haben den Freihof hinter uns gelassen, fallen noch FACHWERKHÄUSER auf, vor allem aber herrscht der Modernismus auch im Zentrum der Stadt. Immerhin respektierte man die historischen Straßen- und Gassenverläufe, häufig auch die Kleinteiligkeit der Parzellenstruktur, so dass sich die Raumwirkung in der Stadt durchaus noch angenehm im mittelalterlichen Geist entbreitet. Der Blick aber auf jene die Raumbildung erwirkenden Fassaden, den Stil unserer Tage, verleidet den angenehmen Eindruck doch wieder billig. Die Reizlosigkeit jener Fassaden, den kunstvollen Ausdruck verschmähend, in der Zur-Schau-Stellung der industriellen Fertigung die formale Aufgabe der Zeit beschwörend, gleicht noch jedem altstädtischen Straßenzug, der unter besten, zumindest gutgläubigen Absichten dem Modernismus weit geöffnet, damit aufgeopfert wurde.
     Wiesloch ist bereits seit dem Mittelalter eine Stadt von einiger Bedeutung, was unbezweifelbar an ihrer Lage ungefähr auf halber Strecke zwischen Heidelberg und Bruchsal. Neben Bretten, Eppingen und Sinsheim galt Wiesloch als wichtigste südliche Stadt der Kurpfalz, welcher sie seit ihrem frühesten Bestehen angehörte. Schon zu Beginn des 13. Jahrhundert nämlich gelangte Wiesloch in die Hand der Pfalzgrafen bei Rhein, den späteren Kurfürsten der Pfalz. Eigens als Stadt ward Wiesloch erstmals 1288 in einer Urkunde des Pfalzgrafen Ludwig des Strengen erwähnt. Als einfache Ansiedlung dagegen fand Wiesloch schon 801 in einer Schenkungsurkunde an das Kloster Lorsch offizielle Uraufführung.
     Nach den auszehrenden Drangsalen des 30jährigen Krieges gilt auch für Wiesloch vor allem 1689 als eigentliches Schicksalsjahr. Genauer hin am 28. Januar im Zuge des Pfälzischen Erbfolgekrieges ward das arme Städtlein von des Sonnenkönigs Truppen unter General Mélac beinahe vollständig zerstört — nur die steinernen Gebäude oder Gebäudepartien blieben erhalten, darunter der dargebrachte Freihof.
     Zwischen Heidelberg und Bruchsal, Wiesloch liegt also noch im Kraichgau. Dessen nie durch Höhe aber immer durch sanfte Schwingung gefallende Hügellandschaft begibt sich hier noch weiter in die Tiefe — eine gefällige Zurücknahme, die dem von Norden anschließenden Odenwald in seiner Höhenwirkung glücklich steigert. Kurzum, die natürliche Umgebung Wieslochs weiß zu gefallen, was freilich aus der Altstadt heraus nur von besonderer Höhe (z.B. vom Kirchturm) wahrnehmbar ist, zu weit nämlich hat sich das heutige Wiesloch in die Landschaft hinausbegeben.

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Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Website  www.wiesloch.de
4) örtliche Informationstafeln
5) Kupferstich und Stadtbeschreibung Matthäus Merians aus "Topographia Palatinatus Rheni" (siehe oben)

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