Baukunst in Baden
  Stetten Kirche (43)
 

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Sankt Fridolin in Stetten (Lörrach, Landkreis Lörrach)   /   Christoph Arnold   /   1822

In Stetten (heute Stadtteil von Lörrach) schuf Christoph Arnold die erste seiner beiden Doppelturm-Kirchen — sieben Jahre vor der zweiten Ausführung in Rippoldsau (heute Bad Rippoldsau-Schapbach, siehe gleichfalls Sammlung '1'). Wenngleich der letzteren — die ohnehin in Baden als drittbeste Gotteshausschöpfung im Stile Weinbrenners gelten darf — ein Vorzug einräumbar, wie ja auch leicht einzusehen ist, dass Arnold in sieben weiteren Jahren als Baumeister seine Fähigkeiten als Entwerfer zu verfeinern vermochte, so zählt die Stettener Kirche nichtsdestotrotz gleichfalls zu den schönsten Kompositionen der eingeführten Kategorie.
     Zu aller meist beeindruckt die glänzende Monumentalität der Vorder- der Eingangsseite. Diese, durch den Entwurf der Doppelturm-Anlage ohnehin gezielt herbeigeführt, wird durch die Topographie zusätzlich begünstigt. Ihr nämlich verdankt das Gebäu eine Anhebung um weitere 3-4 Meter, welche denn auch bestens inszeniert durch eine lange und breite Freitreppe. So steht man denn, wenn sich jene Vorderseite plötzlich wie zum Beispiel vor der Person des Autors entschieden in die Höhe erbaut, billig staunend vor dem Arrangement - und begreift einmal mehr die Trefflichkeit der weinbrennerschen Stilmaßnahmen, die hier wie allenthalben mit einem Minimum an eingesetzten formalen Mitteln ein dem Auge wohlgefälliges Bild, ein zugleich durch das monumentale Ansinnen geförderte Gefühl der Erhabenheit ins Leben rufen.
     Dem Bauwerk zur Seite tritt ein Gebäude gleicher Stilepoche und von nicht geringer Höhe (vermutlich das Pfarrhaus), welches die Ansicht nurmehr bereichert, insgesamt einen vorzüglichen klassizistischen Gesamtprospekt gewinnt.
     Das Langhaus, sich hinter der ohnehin alle Blicke fangenden Vorderseite förmlich versteckend, ist wie immer das zurückhaltendste "Ding". Hohe Rundbogenfenster rhythmisieren und das plastische Balkenkopf-Gesims lädt weit aus. Die Fenster laufen im unteren Bereich als Nischen auf den Sockel, worüber sich der interessante Effekt eines Hybrids zwischen Baukörper und konstruktiver Ordnung ergibt. Im ganzen angenehm anzusehen besitzt diese Bescheidenheit des Langhauses aber nur den einen rechtfertigenden Grund der überragenden Vorderseite, die jene Zurückhaltung gerne als das in den Hintergrund tretende formale "Rückgrat" begreift.

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Nun die Schauseite. Rechts und links die beiden Türme und dazwischen die Vorderseite des Langhauses, deren Fassade auffällig weit nach oben gezogen, bis zum das jeweilige Glockengeschoss der Türme begründenden Rundkonsolen-Gesims. Das zuvörderst der Grund für den monumentalen Auftritt — die Wirkung wohl zweier Türme, aber auch die einer hohen, scheibenartigen Wand, die Mittelpartie und die zwei Türme zusammenfassend.
     Die identischen Türme nehmen sich im Erdgeschoss jeweils eine Sandsteinrahmung, einen Sockel formulierend. Dann zwei Geschosse, schmucklos. Alleine einfachste Rechteck-Fenster beleben. Der Turmkorpus wird typischerweise von Konsolen und ausladendem Gesims beschlossen, gleichsam eine Plattform begründend für den jeweils edelsten Teil des Campaniles, das Glockengeschoss. Hier nun, und auch das in bekanntem Gestus, "tragen" vier Eckpilaster ein umlaufendes Gebälk. Die hierüber entstehenden Felder werden von rundbogigen Schallfenstern genutzt (Öffnungsrahmungen und Kämpfergesimse, jeweils den Bogen einleitend, zieren). Auf dem Gebälk stehen die beiden durch Gesims ausladenden und (deshalb) körperhaften Zeltdächer, welche standardmäßig vollendet vom über unsere wenigen Lebensjahrzehnte hinaus weisendenden Kreuz. Auch die Türme können einen bescheidenen Zug keineswegs leugnen — einen Zug, den die monumentale Geste umso mehr schätzt, als sie in ihrem Wirken von schmuckvollem Arrangement eher gestört als unterstützt würde.
     (Auch im Detail) aufregender aber die schmale Mittelpartie. Diese, die Gestalt der Türme nicht verwischend, tritt ein wenig zurück. Ein rechteckiges Vordach in der Breite der Mittelpartie, ausgeführt als hoher Balken mit Gesims, dagegen tritt deutlich nach vorne. Er wird an seinen vorderen Ecken getragen von zwei stämmigen Quadrat-Pfeilern mit dorisierenden Kapitellen und auf Fassadenebene von vier Pilastern (wiederum dorisch), wobei die beiden äußeren angeschnitten sind. Der mittlere Pilasterabstand ward dem Eingange vorbehalten.

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Direkt über dem Vordach ein großes Thermenfenster, das mit der Vordach-Konstruktion eine treffliche gestalterische Einheit ausbildet. Nach einem kurzen Abschnitt geschlossener Fassade ein Gesimsstreifen auf Rollwerkkonsolen, das die obere Partie des Mittelabschnitts einführt. Demselben entspringen dann vier Pilaster. Die Pilasterabstände sind außen zwei großen Fenstern vorbehalten und mittig einer geschlossenen Fläche, welche der Kirchuhr zum Platze bestimmt ward. Es folgen ein Gesimsband, ein Fassadenstreifen und ein nächstes Gesimse, welches nunmehr und zweifellos zum Nutzen der Optik, auf gleicher Höhe wie die Gesimse der beiden Türme. Endlich beschließt ein allerdings nur aus der Ferne zu gewahrendes niedriges Satteldach.
     So wird die Mittelpartie vor allem von zwei formalen Ideen bestimmt, deren gelungenes Zusammengehen ein sehr reizvolles Fassadenbild schufen.

Natürlich bietet sich ein Quervergleich mit Arnolds zweiter Doppelturm-Kirche in Bad Rippoldsau an. Und hierbei findet man sich im ersten Moment zweifellos irritiert, weil beide einander für Bauwerke ungewöhnlich ähnlich. Zwar finden sich bei den einzelnen Details tatsächlich zahlreiche Unterschiede, auf den ersten Blick aber bewahrt alleine die Unterschiedlichkeit der Eingangspartie vor dem Eindruck befremdender Austauschbarkeit — die Eingangspartie und die gänzlich verschiedenen Umgebungen (was hier insofern von Belang, weil beide Umgebungen von hoher Qualität, also durchaus in enger Verbindung mit dem jeweiligen Bauwerk existieren).
    Eine solche Vorgehensweise kann leicht auf Kritik stoßen, denn des Baumeisters Aufgabe und auch Anspruch liegen gerade bei solch exponierten Gebäudetypen zweifellos im Schaffen von Unikaten. Was also könnte man zur Verteidigung entgegnen? Vielleicht dass die wichtigste Gebäudepartie — der jeweils monumentale Eingang — von entschiedener Andersartigkeit; und dass die zweifellos reizvolle Gesamtform und das gerade vor dem Hintergrund gänzlich verschiedener Umgebungen die Wiederholung ohne weiteres verträgt. Zudem sind die beiden Gotteshäuser räumlich weit von einander entfernt, so dass man schon im Vorfeld um ihre Ähnlichkeit wissen muss um sich an ihr zu stören. Andernfalls nämlich steht man nur voller Freude und Staunen vor diesen Meisterwerken des Weinbrenner-Stiles.

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Quellen
1) das Bauwerk selbst - Stilmerkmale und Wirkungen; Betrachtung des Gebäudes vor Ort
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959 (Baumeister Chr. Arnold, Vollendung des Kirchenbaus 1823)
3) Website  
www.loerrach.de
(Vollendung 1822)

Sehr empfehlenswert ist in diesem Fall der Wikipedia-Artikel, Stand 02.10.2010: http://de.wikipedia.org/wiki/St._Fridolin_(L%C3%B6rrach)
    
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