Baukunst in Baden
  Tennenbach (Abtei)
 

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Im malerischen, sanft geschwungenen Tennenbachtal, im Schwarzwald nahe Emmendingen tritt man auf eine große Wiesenfläche. Man gewahrt wenige Häuschen, die man für alte Bauerndomizile nehmen will. Eine frühgotische Schönheit, eine in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtete Kapelle sendet kraftvolle Grüße in der Manier bodenständiger Landgotik. Man zählt sie zu den wichtigsten Beispielen dieser Bauart in ganz Baden. Gar effektvoll bleckt das Gebäu aus der grünen Umgebung hervor.
     Nimmer wollten wir glauben, dass hier einst eine der großen und einflussreichen Klöster Badens, die Zisterzienser-Abtei Tennenbach! Alle Informationen freilich deuteten entschieden darauf hin; und endlich machte eine große Informationstafel des Rätselratens ein abruptes Ende. Neben den wichtigsten Daten offenbart sie eine Zeichnung des Jahres 1759, als die bereits 1161 gegründete Abtei in ihrer barocken Blüte sich fand. Wie irritierend der wechselweise Blick zwischen dem abgebildeten Komplex und der gähnenden Leere! Und ohne die kleine Kapelle, einst Mönchsinfirmerie, wäre eine genaue Verortung kaum mehr möglich!
     Neben der Prämonstratenser-Abtei Allerheiligen, gleichfalls im Schwarzwald (Wanderungen Band ‘1‘), hat man unter den großen Landabteien vor allem Tennenbach sehr übel "mitgespielt". Der badische Staat schlug drein, wie es wohl selbst der alte Satan nicht besser gekonnt hätte.
     Freilich musste auch hier 1806 säkularisiert werden, nachdem Napoleons Strategen dem von der Markgrafschaft zum Großherzogtum aufblühenden Baden auch den Breisgau in den Rachen geworfen hatten. Es war aber auch herzallerliebst brav gewesen, das kleine Baden, eines der nunmehr zahlreichen deutschen Schoßhündchen Napoleons, brav versammelt im Rheinbund. Da wollten die französischen Gönner nicht geizig sein. Wer hätte auch gedacht, dass die lieben Tierchen nur ein Jahrzehnt später so böse in die fürsorgliche Hand beißen würden?
     1805 kam der Breisgau an Baden, am 17. Juli 1806 war Schluss in Tennenbach. Auch hier der übliche Plünderungszug; so üblich wie "notwendig"  denn Napoleons Liebschaft lastete immens schwer auf den badischen Staatskassen. Und dann war da ja noch die "Aufklärung", die nun mit dem "dunklen" Mittelalter endlich aufräumen würde. Voltaire, der große Held der Aufklärung, was hatte er nicht über Kirche und Christentum gespottet und gelästert; zerschlagen wollte er den "Aberglauben", jede Verfehlung peinlich genau notierend. Der Durchbruch der Aufklärung aber war die Französische Revolution ab 1789. Da konnten sie dann endlich frei schalten und walten, die Kräfte, die nichts mehr auf christliche Wertvorstellungen gaben. Das Paradies im Diesseits? Freilich nicht! Und wie laut schallen da dem Christen die Worte Jesu im Ohr: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt [das Reich des Friedens  sic!]" (Joh. 18,36). Immer und überall wanderte die Welt mit all ihren Greueln auch in die Kirche, weil immer und überall der Mensch! Wie gewichtig aber die diesbezüglichen Herren-Worte "die Pforten der Hölle sollen sie [diese Institution] nicht überwinden" (Mt. 16,18), welche nämlich nichts weniger als einen göttlichen Anteil an der Kirche bedeuten. Solches Gemisch, und alleine weil der Mensch ein "verdorbenes Geschlecht" (z.B. Mt. 12,39), taugt freilich auch nicht zum Reich Gottes auf Erden. Zu einem aber taugt es dank des göttlichen Anteiles bestens: zum Bremsklotz! Immer und überall werden nämlich die Worte Christi verkündigt (wenn vielleicht auch nicht vorgelebt)  und das bremst die Mächte der Welt denn nicht wenig. 


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Anno 1789 ward dieser Bremsklotz in Frankreich entfernt. Und statt des Paradieses herrschte bald ein allgemeiner Terror. Statt der verkündeten Toleranz ein Morden, das jede mittelalterliche Inquisition und Hexenverfolgung erblassen ließ. Was nicht bei "drei" auf den Bäumen, lag alsbald unter der Guillotine. Mehrere tausend französische Priester und Ordensleute waren zu "langsam"  dafür umso rascher gehenkt. Und am Ende, als die Revolution mit besonderem Geschmack die eigenen Kinder fraß, als man sich in Frankreich gar nicht mehr zu helfen wusste, da musste ein neuer Alleinherrscher her: Napoleon. Und der gab Europa dann die erste kriegerische Drangsal, die schon gewaltig an das Weltkriegsspektakel des nächsten Jahrhunderts erinnerte. Will man für letzteres eine "Generalprobe" ausmachen, dann alleine in der napoleonischen Unruhe.
     Was das alles mit Tennenbach zu tun hat? Sehr viel: denn das Großherzogtum war dem Vorbilde folgsam genug. Und als protestantischer Hof wusste man sich ohnehin in einer "vernünftigen Abneigung" gegen den katholischen Kultus. Toleranz hatte sich die "Aufklärung" auf die Fahnen geschrieben, so großmütig verkündet, dass sich dahinter nur Selbstgerechtigkeit verbergen konnte. Denn Toleranz war das letzte, das den Tennenbacher Mönchen widerfuhr. Man hat sie nicht am nächsten Baum "aufgeknöpft", aber das war auch schon alles. Die Abtei ward aufgelöst, die Existenzgrundlage zerschlagen.
     Und nun ging es den Gebäulichkeiten an den Kragen. Die Welt zog mit all ihren Greueln ein. Der Krieg, welcher derweil nicht mehr mit sondern gegen Napoleon geführt, machte aus der weitläufigen, vornehmlich barocken Anlage ein Lazarett. Freilich kümmerte man sich nur wenig um die abertausend Soldaten, die hier mit zerschossenen Gliedern "weggeworfen" wurden. Und so starben sie denn wie die Eintagsfliegen in den vier langen Klosterflügeln. Ein Mahnmal des frühen 19. Jahrhunderts gedenkt der namenlosen Opfer.
     Der Krieg hatte aus der "Porta Coeli" (Himmelspforte), wie sich das Zisterzienserkloster in Anfangstagen nannte, einen Ort des Schreckens, eine Brutstätte des Todes gemacht. Umso lieber riss man das Klostergeviert nun ganz aus der Welt, gleich einem Tatorte, der zu verbergen. 1832  keine drei Jahrzehnte nach der Aufhebung  verschwand das Kloster nun ganz, ward nach fast 700 Jahren wieder zur Wiese renaturisiert!
     Zahlreiche Verwüstungen und Ausplünderungen hatte die Abtei bis dato geduldet, musste deshalb auch im 18. Jahrhundert neu entstehen, in einem moderaten barocken Gewand. Nun aber konnte man nur noch als Steinbruch dienen; und ab 1832 gähnende Leere.
     Auch die altehrwürdige Klosterkirche, ein veritables Schmuckstück der Spätromanik/Frühgotik (erbaut um 1220) ward als eine Art Steinbruch genutzt. Man kam auf die kuriose Idee, das nunmehr ungenutzte Gebäu als eine Pfarrkirche in Freiburg zu nutzen! Die größte Kuriosität der badischen Baugeschichte! Das Gotteshaus wurde 1829 Stein für Stein abgetragen, um dann als evangelische "Ludwigskirche" in der Freiburger Neuburg-Vorstadt wiedergeboren zu werden! Aber da musste freilich auch ein Baumeister ins Spiel, und jene verfolgen gerne ihre ureigenen gestalterischen Interessen. Der große Heinrich Hübsch, Badens Vorzeigearchitekt des Romantizismus (Stil der Jahre 1835-70) ward gebeten. Und dementsprechend hatte das Nachmalige mit dem Vorherigen nur noch als Randnotiz zu tun. Irgendwie folgerichtig, dass das Gebäu bei einem Luftangriff auf Freiburg 1944 für immer aus der Welt schied.


Quellen
1) das Bauwerk selbst - Stilmerkmale
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester  "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Regine Dölling "Dome, Kirchen und Klöster in Baden", Wolfgang Weidlich Verlag Frankfurt/Main, Ausgabe 1979
4) Website  www.la-bw.de/kloester-bw (Klöster in Baden-Württemberg)
5) Informationstafel vor Ort

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