Baukunst in Baden
  Walldürn
 

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Die Stadt Walldürn liegt nahe dem gleichfalls städtischen Buchen (Wanderungen, Band ‘1’). Beide teilten über viele Jahrhunderte das kurmainzische Schicksal. Mancherlei Gunst ließ der Mainzer Fürstbischof seinen beiden Städten auf dem Odenwälder Hochplateau im Norden des heutigen Baden angedeihen. Für Walldürn bedeutete dies vor allem die Anlage einer für solch ländliche Gefilde extraordinären Wallfahrtskirche. Dieselbe ist noch heutigentags nicht nur der bedeutende Ruhm der Stadt, sondern auch das weithin ankündigende Wahrzeichen Walldürns. Auf dem Hochplateau nämlich, bewegt nur durch kaum merkliche Hügelschwingungen — wie der Landschaft auch das melancholische Moment echter Abgeschiedenheit nicht abgeht, eine Rauheit der Verhältnisse, die in den düsteren Wintermonaten umso deutlicher an den Tag tritt — auf diesem herben Hochplateau nämlich zeigen die Zwillingstürme von Sankt Georg weit ins Land.
     So angelockt, weit mehr aber durch das hochmittelalterliche sogenannte “Blutwunder”, treffen jährlich sage und schreibe 150.000 Pilger ein! Solch beeindruckende Zahl kürt denn Walldürn unter die drei wichtigsten Wallfahrtorte ganz Deutschlands, zum beachtlichsten Badens allzumal. Die Abgeschiedenheit der Landschaft vereitelt also keineswegs erstaunliche Ehren: Walldürn zählt zu den badischen Berühmtheiten! Auch wenn in Baden der eine oder andere das nicht mitbekommen mag (was in unseren säkularen Zeiten freilich allzu leicht geschieht). Solchen Ehren sollte denn auch die Ansehnlichkeit als geschwisterliche Hilfe nicht verwehrt bleiben.
     Jede Exkursion der ‘Wanderungen’ besitzt ihre eigene Geschichte. Manch eine, wie eben die Walldürner, mag ob einiger Markanz also auch an dieser Stelle erzählt werden. Auch sie beginnt natürlich mit den Zwillingscampanile von Sankt Georg, welche gleich einer zwiefachen Kompassnadel dem sich Annähernden beständig vor Augen; und am Ortseingang verhieß das immer gern-bemerkte Schild “Deutsche Fachwerkstraße” freilich Verheißungsvolles. Alsbald stand der Autor vor einem wuchtigen Schlossbau, der gleichsam das Ausrufezeichen gleich zu Beginn der abwägenden Betrachtung. Der spätmittelalterliche Koloss steht im Westen der Altstadt auch noch begünstigt von ansteigender Topographie; was denn die Monumentalität des nur sparsam belebten “Steinklotzes” nicht wenig fördert. 
      Von hier aus kann man überhaupt nicht anders als von Sankt Georg angesaugt zu werden. Nur eine kurze Wegstrecke entfernt tritt das gotteshäusliche Gebäu in der Entschiedenheit eines Monumentes über die Dächer der mancherlei Bürgerhäuser, ja gibt eine zuführende Gasse je nach Perspektive schon die gesamte Höhe preis. Es ist die Rückseite mit den beiden Türmen, welche so laut herbeiruft. Das weitläufige Gebäu wurde ganz aus rotem Sandstein verfertigt, was von allem betrachtenden Anfang die vermutete barocke Weichheit gegen die Härte und Kantigkeit eines mittelalterlichen Kirchenwerkes vertauscht.

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Mag man das erreichte Baukunststück auch sogleich umrunden, um dann zu allermeist von der Ansicht der Rückseite in einen regelrechten Bann geschlagen zu werden. Ein zweites Mal, diesmal noch beeindruckender, steigert die abfallende Topographie einen Prospekt. Der Chor, ohnehin von beträchtlicher Höhenausdehnung, baut sich mächtig vor dem staunenden Betrachter auf. Die beiden rechts und links unmittelbar anschließenden Türme tragen das monumentale Bild noch weiter empor. Solcher Streckung gen Himmel tragen die sämtlichen Bauglieder zu: hohe Fenster und Strebepfeiler. Obgleich der Bau von Sankt Georg fast gänzlich ein barocker, so schlägt denn wiederum eine mittelalterliche, namentlich eine gotische Stilstunde. Die merkwürdigste Stilvermischung, die das Bedeutsame dieser Ansicht nochmals beträchtlich befördert! Der Chor, neben seiner Höhe durch die Kantigkeit einer polygonalen Grundform reizend, er zeigt eine Fenster- und Pfeilermanier, die nur soviel Barock verspricht als der gotische Eindruck kein reiner.
     Gewaltig schiebt sich der sich entgegenwölbende, turmgesäumte Chor in den Stadtkörper. Und es ist alleine der kunstvollen Veredelung geschuldet, dass man von dem Angesichte solcher Mächtigkeit nicht flieht! Freilich hat man auch hier keine Wahl; wie zuvor, am Schlosse stehend, das kirchliche Gebäu angelockt hatte, so schiebt es jetzt von sich und zwar direkt in das Zentrum der Altstadt hinein!
      Es mögen einem noch die Sinne schwirren von des Chores Monumentalität. Und da tritt dann das weitere bauliche Geschehen, das von Feinheiten der Baukunst, von einer historischen Kleinteiligkeit der Umstände berichtet, aufmunternd in erbaulichsten Kontrast. Das überhaupt das bestmögliche Zusammenspiel solch gegensätzlicher Äste baukünstlerischen Strebens. Nach dem Spektakulären bedürfen die aufgereizten Sinne der ausgleichenden Ruhe.
     Man findet dieselbe sogleich am erhabenen Bau des Wallfahrtsmuseums. Der Stil der Renaissance führte hier einen schönen Steinbau aus, der mit hohem Giebel zur sogleich zu gewinnenden Hauptstraße zeigt. Nach Norden, zum Ausklang der Hauptstraße findet man an einem Gasthofe vorzüglichstes fränkisches Fachwerk, dessen Zierfreude wiederum im Geiste der Renaissance. Wie das Museum steht auch dieses Haus der Wallfahrtskirche direkt zu Füßen, was denn — wie man sich leicht ausmalen kann — einen Prospekt gewinnt, der zu den schönsten ganz Badens zählt. Rechts Renaissance-Fachwerk, links Steinrenaissance und dazwischen und darüber die gotisch-barocke “Gottesveste”.


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Von solcher Prachtansicht kann denn nur die Hauptstraße weglocken. In leichter Schwingung, nicht allzu breit — und damit also noch in mittelalterlicher Art — führt sie eine nicht allzu lange Wegstrecke durch den Altstadtkörper. Sie recht eigentlich begründet den Anspruch Walldürns auf Aufnahme in die Deutsche Fachwerkstraße. Fast durchgängig reiht sich hier nämlich Fachwerkhaus an Fachwerkhaus. Und wenn auch aufwendigen Verzierungen wie beim schon eingeführten Gasthofe zumeist eine Absage erteilt ward, so sticht dennoch ein Gebäude nochmals unbedingt heraus. Es ist das Rathaus in der Mitte der Straße, das sehr sehenswert reines alemannisches Fachwerk zur Anschauung entbietet. Sehe man in demselben nach Schloss, Gottesburg, Wallfahrtsmuseum und Gasthof das fünfte eigens hervorzuhebende Bauwerk Walldürns. Bei solcher Ansehnlichkeit räumt man allen fünfen die entsprechend überregionale Bedeutung billig ein; zumeist natürlich der Wallfahrtsbasilika, welche unter den eindrucksvollsten Kirchen ganz Badens.
     Zu diesem Zeitpunkt der Abwägung — und das bislang Vorgestellte spricht gewiss für sich selbst — ist das Markante, das Besondere der Walldürner Begehung des Autoren offen am Tage. Ja, nach Schloss, Sankt Georg und Hauptstraße kann man nicht umhin Walldürn als ganzes zu den sehenswertesten Städten Badens zu rechnen! Das brachte der bisherige Verlauf der Besichtigung, welche wie unter Zwang von genannten Bauwerken, wie an einer “Fessel der Baukunst” durch Walldürn geführt, zustande kam. Da staunte ich denn nicht wenig über solch ausgemachte allgemeine Schönheit in der Abgeschiedenheit des Odenwalds; das zweifellos der Höhepunkt, unbedingt ein bedenkenswerter Höhepunkt der Exkursion.
     Alles weitere nämlich — und da ward das Staunen nur noch größer, wenn auch unter anderem Vorzeichen — leistete nur noch Eintrag, war gleichsam um nichts anderes mehr bemüht als Relativierung. Die mehreren Nebenstraßen und Gassen der Altstadt waren freilich der Anschauung gleichfalls auferlegt. Und da wird dann die Verblüffung tatsächlich noch größer, vom bisher sauber Positiven stehenden Fußes in ein sauber Negatives! Unversehens nämlich stolpert man über eine Abbruchkante, welche man am ehesten mit dem diesbezüglichen Vorzeigebeispiel Badens vergleichen kann, dem Städtchen Neudenau an der Jagst (Wanderungen Band ‘2’).
     Wie dort der Kontrast zwischen dem höchster Baukunst ergebenen Marktplatz zum Rest einer zerschlagenen Altstadt, so durchaus ähnlich in Walldürn der Unterschied zwischen dem bislang gezeigten und den Seitenstraßen des historischen Zentrums. Wurde man bis jetzt von Kunstwerk zu Kunstwerk gesaugt, so wird man nun von Verwässerung zu Zerstörung, von Verfall zu modernistischer “Sanierung” fortgetrieben. Finsternis will den bisher vom Lichte der Baukunst so geliebkosten Betrachter nun umso überraschender, damit umso entschiedener greifen. Man lässt es gelten solange man aushält; dann aber tritt man zurück in das Licht Walldürns. Das Walldürn aber, das jetzt vor Augen steht, es ist nicht mehr eine der ansehnlichsten Städte Badens, anzusiedeln nämlich “nur” noch im vorderen Mittelfeld. Der überragenden Bedeutung von Sankt Georg treten weiter fördernd das Schloss und die Hauptstraße zur Seite, nicht aber als ganzes die Altstadt. Ein Eintrag, der umso schwerer fällt, als die erste Hälfte der Betrachtung so trefflich nur um Superlative wusste.

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Mag man im weiteren näher auf die bedeutenden baulichen Vorzüge Walldürns eingehen, zu ergänzen um das historische Beiwerk. Der Eingangs berichtete SCHLOSSBAU deutet noch auf den regional einflussreichen Ortsadel der Herren von Dürn hin. Sie besaßen genau an dieser Stelle eine Burg, die denn auch ab 1250 die Stadtgründung des 794 erstmals genannten Ortes begünstigte. Alleine zum Zeitpunkt der Stadtzeugung ging die große Zeit des Rittergeschlechtes schon wieder zu Ende, welche endlich im gänzlichen Erlöschen 1575 mündete. Schon fast ein Jahrhundert vorher, namentlich 1492, ward auch dessen Veste abgetragen, statt dessen die Kellerei — das heutige Schloss — des die Stadt schon seit 1294 besitzenden Erzbistums ausgeführt. Mag der neue Bau noch manch alte Burgmauer genutzt haben. Der dreistöckige Dreiflügelbau hat nachmals mancherlei Veränderung ertragen müssen; nichtsdestotrotz findet man in seinen Fassaden weiterhin ein trefflichen spätmittelalterlichen Bau. Trutzig noch im Auftreten, zeigen die Öffnungen schon feinere Spätgotikrahmungen. Ein Gebäu, das ganz im Stil der Zeit zwischen abweisender Burg und sich öffnendem Schloss schwankt. Alleine das Ungemach allerneuster Zeit leistet dem stolzen Gebäu Eintrag. Es ist die allgemeine Unart ab den 1990ern, nämlich die Dächer mit schreiend roten Ziegeln zu decken. Hat man etwa die Wirkung der Signalfarbe rot vergessen? Was passiert also, wenn dieses schärfste aller farblichen Signal auftritt? Ja, freilich, der Blick wird angezogen — unwillkürlich! Und so wird auch beim Walldürner Schloss der Blick mit Gewalt von den ansehnlichen Fassaden zu den unbedeutenden Dachflächen gezogen. Das deutlich Unwichtigere siegt über dem Wichtigen! Ein Schelmenstreich, wie er nur unseren sich so mannigfaltig verfehlenden Zeiten gelingen konnte. Nun aber bleibt nichts anderen übrig als Jahrzehnte zu warten, bis endlich die Bewitterung einen mildernden Moosschleier über das aggressive Rot gelegt hat; die Verhältnisse wieder zurecht gerückt sind und Ruhe statt Geschrei zurückkehrt.
     Das trutzige Gebäu mag auch die Erinnerung an die einstige Stadtbefestigung am besten hochhalten. Von dieser nämlich kann bis auf unattraktive Stadtmauerreste nichts mehr gewahrt werden. Die Befestigung wurde im frühen 14. Jahrhundert weitgehend vollendet, kam also über nur mittelalterliche Qualitäten nicht mehr hinaus. Entsprechend fand die Stadt im 30jährigen Krieg keine Schonung, wobei auch die damals noch echt gotische Wallfahrtskirche zweimal derbe ausgeplündert ward.


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Vierhundert Jahre später schleifte man die Mauern in einer durchaus seltenen, eben in der heute zu sichtenden Konsequenz. Während sich im benachbarten Buchen unter anderem der monumentale Mainzer Torturm bis heute erhielt, schaffte man in Walldürn 1807 erst den Ostturm, 1844 dann das Buchener Stadttor (Südturm) in der seinerzeit durchaus allgemeinen Phantasielosigkeit einfach ab.
     SANKT GEORG, soviel wurde schon aufgezeigt, zählt zu den herausragenden Kirchenbauten ganz Badens. Neben der so erstaunlich viele Pilger anziehenden Wallfahrtsfunktion beeindruckt die Größe und Monumentalität des Gebäudes, der “gotische Barock” der Rückseite mit Chor als ein wirkliches Unikat.
     Beschreibt man weiter, so hat man auch die genaue Definition der Baukörper zu bedenken. Den Hauptteil macht natürlich das große Langhaus aus, welches sich nach außen sauber als dreischiffige Anlage präsentiert. Nach Osten schließt dann eine hohe Vierung an, welcher endlich die beiden Türme und der polygonale Chor folgen. Der nördliche Vierungsarm baut auf den gotischen Vorgänger auf, ebenso wie der Nordturm in seiner Substanz einem ersten Umbau der Jahre 1626-28 entstammt. Das überwiegende Gros der Außenhülle aber wurde als barocker Neubau 1698-1728 auf besonderes Geheiß des Mainzer Kurfürsten und Erzbischofs Lothar Franz von Schönborn empor gebaut. Während der Chor noch deutlich an mittelalterlicher Wirkung orientiert, kommen alle anderen Gebäudepartien eindeutig mit barocken Formelementen. Man gewahrt einen Reichtum an Pilastern, sehr schmuckvolle und detailaufwendige Portale, sorgsam profilierte Öffnungsrahmen. Trotz dieses Schmuckes aber wollen auch jene anderen Gebäudepartien von barocker Weichheit, von Wölbung und Rundung überhaupt nichts wissen. Und so wird denn auch die so klare Gebäudestruktur nirgendwo überspielt, herrscht statt dessen ein durchaus herber Eindruck, herrschen scharfe Linien und harte Kanten. Der rote Sandstein als Fassadenmaterial, trägt dieser Wirkung bestens zu. Die Wirkung, obgleich nicht im Vorbildsinne barock, erleidet davon jedoch nicht den geringsten Eintrag. Vielmehr beeindruckt die mittelalterliche Nüchternheit und Kraft, die in merkwürdiger Kontinuität zum deutlich kleineren Vorgängerbau. Ein barockes Bauwerk, zumal unter nochmaliger Berücksichtigung des schönsten Gebäudeabschnitts, des Chores, welches noch Mittelalter atmet — das verdient neben der Ansehnlichkeit eine eigene Beachtung.


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Von deutlich anderer Wirkung, diesmal in aller Entschlossenheit dem Feinsinn und dem Formenüberfluss der barocken Künste zuneigend, der Innenraum. Er ward in solchem Reichtum geschmückt und illusionistisch ausgemalt, dass er die Außenfassaden beinahe ärmlich erscheinen lässt. Den beachtlichen Ruhm der Wallfahrt verkündet von außen die Größe und Monumentalität - und von innen die Mannigfaltigkeit einer entrückenden Detailpracht.
     Die Wallfahrt zum "Blutwunder", mit der den säkularen Leser gewiss irritierenden Anzahl von jährlich 150.000(!) Pilgern, geht auf ein Ereignis von 1330 zurück. Wein der Heiligen Messe wurde versehentlich dergestalt verschüttet, dass ein von sogenannten Veronicae umschwebtes und deutliches Bildnis Christi entstand. Ein außerordentliches Bildnis, welches das päpstliche Rom aber in der ihm üblichen, langwährenden Prüfung erst 1445 offiziell anerkannte. Die schon Jahrzehnte vorher eingesetzte Wallfahrt kam darüber zu einer Blüte, die — bei manchem Auf und Ab — bekanntlich bis heute anhält.
     Auch manch anderer Besucher mag nach Bestaunung der zahlreichen Altäre und der illusionistischen Deckenbemalung, einer prachtvollen Entfaltung des Barockstiles, wie sie in Baden nur mit wenigen Parallelen, den kleinen Park aufsuchen, der sich an die Westseite von Sankt Georg legt. Von hier aus hat man auch die eigentliche Vorderseite mit dem schmuckreichen Hauptportal bestens im Blick. So zwischen den Bäumen sitzend, in der Nähe eine künstlich angelegte Grotte, umschmeichelt vom Grün — blickend auf das Hauptportal, die Verzierungsfülle des Innenraums noch im Geiste, will man die Worte Goethes wie billig bestätigen: "Und so wird uns durch künstlerische Arbeiten nach und nach das Auge so gestimmt, dass wir für die Gegenwart der Natur immer empfänglicher und für die Schönheiten, die sie darbietet, immer offener werden."[1]. Solche Kunstauffassung will uns plötzlich nicht anderes mehr sein, wie die Kehrseite ein und derselben Medaille — und wie dort, so befruchten sich auch hier die beiden Seiten gegenseitig, gehört beides, Natur und Kunst, schlicht und unverbrüchlich zusammen. Also von Natur und Kunst zu gleichen Teilen nachdenklich gestimmt, mag denn auch der Umkehrschluss nicht mehr verwundern: wie wenige begreifen heute die Schönheit der Natur in wirklicher Tiefgründigkeit (fern des oberflächlichen Fast-Food-Genusses) — wie viele aber nehmen die Natur mit aller Selbstverständlichkeit als billige Kloake (machen sogar ein Recht darauf aus!). Nein, da schwindet die Verwunderung, dass solch allgemeiner Geist zu einer allgemeinen Kunst, zu einem neuerlichen Kunststil sich nicht mehr aufzuschwingen vermag. Die Naturzerstörung findet ihr Abbild in nackt-sterilen Funktionsbauten; wo die vorgegebene natürliche Schönheit kaum wahrgenommen, ja missbraucht und zerstört wird, da kann denn auch das Neuentstehende, die zeitgemäße bauliche Umwelt, von echter Schönheit nichts mehr wissen!


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Nach der Erbauung durch Sankt Georg verbleibt noch der eingehendere Blick in die HAUPTSTRASSE. Hier stehen nämlich auch das Wallfahrtsmuseum und der fachwerkprächtige Gasthof. Ersteres ward 1588 als, wie der ältere Name schon eingibt, “STEINERNES HAUS” ausgeführt. Noch zahlreiche Renaissance-Details, insbesondere für die Öffnungen, bereichern das zweistöckige, längliche Gebäude. Die hohen, steilen Giebel fallen auf. Am schönsten die schmale Südseite, welche gleichsam nördlicher Blickfang, wenn man vom anderen Ende der Hauptstraße blickt. Zahlreiche Fenster, munter gestreut, zeichnen ein lebendiges Bild. Eine Statue und ein Bildstock vor dem Museum vollenden diesen Prospekt.
     Aus der gleichen Epoche, nur neun Jahre jünger der GASTHOF. Er führt die Kunst der Renaissance anhand fränkischen Fachwerks aus. Zahlreiche, fast unmäßig diffizile Holzformen der spitzgiebeligen Eingangsseite geben besten Begriff von der hohen Zimmermannskunst jener Tage. Das zweistöckige Haus gefällt außerdem durch eine schöne sandsteinerne Freitreppe. Zweifellos einer der schönsten Fachwerkprospekte im Odenwald.
     Dieser Ansicht gleich kommt aber nur wenige Meter weiter das RATHAUS. Dennoch tritt uns hier ein ganz anderes Fachwerkbild entgegen. Die alemannische Konstruktionsart stammt aus 1448 und verzichtet gänzlich auf Schmuckformen. Wo beim deutlich jüngeren Gasthof der Zierrat der Renaissance gefällt, da ergreift beim Rathaus alleine die Schönheit der Konstruktion, das filigrane Nachzeichnen der Gebäudestatik. Die echt mittelalterliche Fachwerkkunst kam im Gegensatz zur neueren der Renaissance ohne künstliche Zierformen zu beeindruckenden, mitunter monumentalen Fachwerkbildern. Was dem fränkischen Fachwerkstil, erst recht unter Renaissance-Ägide die Schmuckform der auszeichnende Reiz, das dem alemannisch-gotischen die Aufrichtigkeit der Konstruktion, das herb-monumentale Auftreten. Der südlichen Giebelseite sind insbesondere die weiten Ständerabstände (vertikale Hölzer) alemannisch , die lange Riegel (horizontale Hölzer) für die Fenster notwendig machen. Außerdem seien Knaggen (Holzkonsolen) und die durch Knöpfe gerne betonte Verblattung (sichtbares Ineinandergehen der Hölzer) vermerkt.
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Der Rathausbau war seinerzeit Zeichen einer besonderen Selbstständigkeit im sogenannten “Neun-Städte-Bund” der Mainzer; wie denn auch rund vier Jahrzehnte später begehrte Marktrechte an Walldürn kamen. Das Rathaus wird seit damals ununterbrochen als solches genutzt, was nicht weniger bedeutet, als dass es eines der ältesten in ganz Deutschland!
     Der einzige gestalterische Eintrag wird durch die Sandsteinfassaden des Erdgeschosses begründet. Als historistische Maßnahme von 1858 schlossen sie eine bis dato offene Halle. Man muss die nüchterne Fassadenarbeit nicht rügen, alleine an das majestätische Bild des Fachwerks reicht sie mitnichten.
      Die weiteren FACHWERKHÄUSER der Hauptstraße zeigen durchgehend funktionales Fachwerk, d.h. wie beim Rathaus kamen die Holzrahmen und Ausfachungen nur unter statischen Gesichtspunkten in ihr Bild. Mag auch die besondere Qualität des Rathauses, wie auch dessen hohes Alter nicht mehr erreicht werden, so vermögen die immer fein- und vielgliedrigen Ansichten nichtsdestotrotz treffliche Ansichten zu zeichnen; umso mehr als wir die weiter adelnde Ensemblewirkung gleich zahlreicher Fachwerkhäuser bedenken.
     Fachwerkhäuser findet man im übrigen auch in den oben gescholtenen Seitenstraßen und Gassen, die den anfänglichen großen Ruhm Walldürns noch entscheidend zu schmälern wissen. Den östlichen Teil der Altstadt hat man gar mit dem malerischen Namen “Klein-Frankreich” bedacht. Alleine das ist denn jedem, der Strasbourg oder Colmar kennt, durchaus ein Etikettenschwindel, den man sich nicht größer zu denken wüsste! Fast alles Fachwerk ist hier nämlich verputzt, wie überhaupt die Ansichten gar jämmerlich vor Augen stehen. Der geübte Blick erkennt die verborgene Schönheit, bemerkt das Potential. Was aber tatsächlich zu sehen, dem hat man im Stil der modernen Zeiten alles Ansehnliche mit bedenkenswerter Konsequenz getilgt oder verfallen lassen. Aber genug davon! Wie halten uns die bedeutenden Vorzüge Walldürns vor Augen, bemerken das Anstößige nur am Rande. Unsere neueren Zeiten erträgt ohnehin nur mit Zufriedenheit, wer sich das noch vorhandene Schöne bewusst zu Gemüte führt — und das viele, viele andere einfach sein lässt. “Leben und leben lassen” sagt man zurecht; für uns zu modifizieren auf “Leben und dahinexistieren lassen”.
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[1] Johann Wolfgang Goethe "Italienische Reise", Insel Verlag in Frankfurt/Main und Leipzig, Auflage 1976, S. 528

Quellen
1) die Bauwerke selbst - Stilmerkmale und Jahreszahlen; Stadt und Landschaft
2) Dr. Emil Lacroix und Dr. Heinrich Niester  "Kunstwanderungen in Baden", Chr. Belser Verlag Stuttgart, Ausgabe 1959
3) Homepage der Stadt Walldürn
4) Informationstafeln vor Ort
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