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Die langen Seitenflügel des Ehrenhofes, zweigeschossig, gleichfalls klar horizontalisiert, geizen nicht weniger mit Pilastern, anderem plastischem Schmuck — geschickt bedacht der sich zwischen den Eckbetonungen entbreitende Arkadengang, halb Gebäude noch, halb schon Freiraum die schönste Vermittlung zum Ehrenhof.
Die neben dem Corps de Logis schönste Partie des Schlosses stellt die im nordwestlichen Winkelflügel untergebrachte KAPELLE. Ihr wegen Feuchtschäden leider nicht zugänglicher Innenraum ist eine jener flirrenden, entrückten Rokoko-Welten, und auch die recht kleine Eingangsfassade gefällt durch ein aufwendiges, säulenbestücktes Portal dieser Stilart.
Vom Palaste aus wird man wie selbstverständlich auf dem rechtwinklig vom Corps de Logis ausgehenden Hauptstrahl in den Stadtkörper überführt. Bevor wir nun auf dessen attraktivste Bauwerke stoßen, ergänzende Worte zur Stadtbild insgesamt. Die ausgewiesenen rechtwinkligen Baublöcke füllten sich im beginnenden 18. Jahrhundert nur langsam mit Gebäuden, ein Problem im übrigen, das bald auch schon Karlsruhe beschäftigen sollte. Beide Markgrafschaften nämlich, Baden-Baden wie Baden-Durlach, hatten durch den schweren Krieg Bevölkerungsaderlass genug gelitten. So also wuchs Rastatt nur langsam. Wo dies aber gelang wurden die Gebäude in aller Regel nicht nur gleichmäßig an Höhe (zwei Stockwerke) sondern auch an Gebäudegestalt ausgeführt - kurzum Rastatts Bürgerhäuser erstanden nach modellhaften Vorgaben. Vorgaben im übrigen, in Rücksicht auf die finanziellen Möglichkeiten der Erbauer; aufwendiger Gebäudeschmuck verbot sich bei der Ärmlichkeit der Verhältnisse von selbst, so dass man statt prunkvoller Fassaden immerhin zu einer homogenen Stadtgestalt fand. Homogen freilich ohne Gefahr der Langeweile. Denn neben den auffälligen, Abwechslung gewinnenden Bauten der Öffentlichkeit, achtete man bei aller Zurückhaltung auf das notwendige Maß an Belebung der Fassaden. Die dabei schönsten Stilmittel stellen die Betonung der Baublockecken durch hervortretendes Quaderwerk und zierliche, liebreizende Rokoko-Eisenbalkone, welche übereck geführt (man höre und staune, der berühmte Übereck-Balkon, nicht wie so gerne deklariert eine Erfindung des Modernismus — gefunden gar schon im Barock!). Eine kluge Idee, in Variationen beständig wiederholt, die neben der Schönheit des Elementes, den gesamten Stadtkörper formal zusammenband.
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Davon allerdings wie auch von den Modellhäusern liest man heute nur noch wenig auf. Die meisten Gebäude nämlich wurden im 19. Jahrhundert sukzessive ausgetauscht, auch hat der Modernismus manch' Fang tun können. Unter dem Strich zeigt die Innenstadt zwar weitgehend historische Bebauung, jedoch nicht mehr in der ursprünglichen Homogenität. Was dem am meisten zuwider sind unerfreuliche Gebäude des späten 19. Jahrhunderts (Historismus) oder modernistische Eindringlinge, welche sich rücksichtslos einige Geschosse mehr nahmen, demnach für unruhige Silhouetten Verantwortung zeichnen. Weil zudem viele historische Bauten mit im 20. Jahrhundert zerstörten, zu Schaufenstern umgebauten Erdgeschoss-Fassaden (was häufig die Hälfte der gesamten Fassadenfläche bedeutet!), kann man dem alten Zentrum leider nur noch am Marktplatze Schönheit attestieren — alles andere gewahrt man unglücklich überformt, entstellt; ohne Schloss und Marktplatz wäre der Ort nur ein trister.
Betrachten wir also nach dem Schloss die nächsten Bauwerke, welche Rastatt zu Ansehen verhelfen. Entlang des Hauptstrahles, zunächst zwei Kavalierhäuser, dem Schloss noch direkt gegenüber. Ansehnlich beide, Vorzug aber gebührt dem sogenannten ROSSI-HAUS, ausgeführt vom Baumeister, ihm zu Ehren entsprechend benannt. Modellmäßig zweistöckig, mit kraftvollen Eckpilastern und einem reizvollen Mittelrisalit mit Balkon auf korinthischen Säulen. Auch im kleinen Maßstab ein Meisterwerk Rossis.
Durchschreitet man entlang der Hauptachse die Stadt, so gelangt man eingedenk der geringen Ausdehnung des barocken Rastatt beinahe umgehend auf den länglichen, senkrecht zum Hauptstrahl von Rathaus und katholischer Stadtkirche aufgespannten MARKTPLATZ. Zwei kunstvolle Brunnen veredeln als schönstes Platzmobiliar. Die SANKT-ALEXANDER-KIRCHE, erst 1764 fertiggestellt, erbaut nach Entwurfe des Hofarchitekten Johann Rohrer darf als dessen Meisterwerk gelten, eines der schönsten barocken Gotteshäuser Badens. Der Campanile nach vorne, mit Zwiebeldach und Laterne, wie die gesamt Eingangsseite überaus und mit großem Geschick schmuckvoll. Allenthalben wirbeln Pilaster in die Höhe und auch an Statuen kein Mangel. Die Eingangspartie wölbt sich nach vorne, die Fassade also wie die Ornamentik im Fluss. Ja, wir liegen dem Rokoko zu Füßen.
Johann Rohrer wie auch sein Bruder Michael waren die Baumeister der Markgräfin Sibylla Augusta, welche sie aus Böhmen zur Nachfolge Egidio Rossis mitbrachte. Sie, neben Rossi, prägten und prägen noch bis heute das barocke Zentrum Rastatts.
Das RATHAUS auf der gegenüberliegenden Querseite des Markplatzes, erbaut ab 1715, stammt gleichfalls von Johann Rohrer. Ein schmucker Putzbau, die Eingangsseite zum Platz mit kleinem repräsentativem Balkon auf korinthischen Säulen. Die mittleren drei der fünf Fensterachsen als Mittelrisalit — zu diesem Behufe mit zusätzlichem, Pilaster-besetztem Geschoss plus Dreiecksgiebel, endlich einem Dachreiter.
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In einiger Entfernung, ursprünglich ein wenig vor der Stadt liegend, der nach Schloss und Marktplatz dritte Ort ausgewiesener Ästhetik — ein kleiner Park bestückt mit vier ungewöhnlichen Bauwerken. Die beiden schönsten, gleichzeitig die kleinsten, stammen noch aus barocken Tagen. Ersteres ein TEEHAUS von 1722, die sogenannte Pagodenburg (in Anlehnung an das Münchener Vorbild), genutzt von der markgräflichen Familie, entworfen von Michael Rohrer. Ein überaus gefälliger Bau, strotzend vor korinthischen Pilastern, nach allen vier Richtungen risalitartige Ausbuchtung streckend — eines der lieblichsten Rokoko-Exemplare Badens. Zweiteres gar noch aufregender, die EINSIEDELNER KAPELLE aus 1715: die Eingangsfassade aus grau-gelbem Sandstein wunderbar plastisch, Säulen und Pilaster korinthisch, gesprengter Segmentbogen-giebel, dazu Statuen und reichlich Schmuck. In meinen Augen die schönste barocke Kapelle Badens. Auch sie ward entworfen von Michael Rohrer, gestiftet aber von der Markgräfin als ein frommer Dank für den Frieden von 1714.
Die ergänzenden Bauten sind Kuriositäten: ein mächtiger, wehrhafter Wasserturm und eine Fabrik im Gewande einer Burg. Beide also "Opfer" des Historismus, aber lustig anzusehen. Zusammen mit den barocken Meisterwerken, eingebettet im ruhigen Park, dazu noch der Flusslauf der Murg, ergibt sich ein gar wunderliches Bild, ekklektizistisch allzumal. Einer der merkwürdigsten Orte des Landes.
Fünf weitere ansehnliche Bauten des Barock bleiben anzuführen. Unweit des Parkes, zurück in Richtung Schloss das heutige Postgebäude, errichtet bis 1715 als MARKGRÄFLICHE BRAUEREI. Gefällig vor allem die Mittelpartie aus rotem Sandstein, monumentalisiert durch kolossale korinthische Pilaster, spannungsvoll nach innen gebogen. Kurz vor dem Schloss ein zu demselben gehörendes TOR — eine Rundbogen-Öffnung, detailreich mit Pilastern und einen kleinen Segmentbogengiebel balancierend.
Die drei letzten Gebäude finden sich eng beieinander, beginnend gegenüber der Schlosskapelle. Letztere, schon besprochen, wurde von Michael Rohrer erbaut — ihr direkt gegenüber ein großes SCHULHAUS, entworfen von dessen Bruder. Ein dreigeschossiger Flügelbau mit Mansarddach, interessant vor allem der Umgang mit der Fassade: die jeweils zwei oder drei übereinander stehenden Öffnungen sind durch nach vorne tretende Putzabschnitte zu einer monumentalisierenden vertikalen Ordnung verbunden — ein geschicktes Stilmittel, in Rastatt nur hier gefunden, in Heidelberg dagegen, einem der Zentren der badischen Barockbaukunst, ganz regelmäßig.
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